Project Digital – Negative selbst digitalisieren

1975 fing ich mit der Fotografiererei an. Damals war eine Minolta SRT 303 meine erste Kamera. In den folgenden 30 Jahren sammelten sich 529 Filme im S/W- und im Farbbereich an. Diese lagerten (zum Glück ziemlich sortiert) in Ordnern in Folienhüllen im Schrank.

Digitalisieren, aber wie? DM (und andere Laboratorien) bieten diesen Service an. Wenn ich mich recht entsinne, habe ich früher mal für einen Film 10 Euro bezahlt. Und bekam dafür eine CD mit .jpg-Dateien zurück. Wo das bei über 500 Filmen hinführt, kann sich jeder selbst ausrechnen. Also: Selbst ist der Mann.

  1. Möglichkeit: Die Papierbilder abfotografieren. Theoretisch möglich, aber dazu müsste man alle Fotos geordnet vorliegen haben. Und eine Apparatur mit Blitzanlage, Stativtisch etc. aufbauen. Umständlich, sehr zeitaufwändig.
  2. Möglichkeit: Die Papierbilder einscannen. Sowohl theoretisch als auch praktisch möglich. Dauert nur EWIG.
  3. Möglichkeit: Die Negative über einen Dia-Scanner einscannen. Ich habe zuhause einen Magazinscanner, den ich automatisch laufen lassen kann. Ca. 1,5 Stunden für 50 Aufnahmen. Und bei gerahmten Dias auch ein wunderbare Sache. Aber ca. 19.000 Negative zerschneiden, rahmen und dann einscannen? Nein danke.
  4. Möglichkeit: Einen speziellen Negativscanner kaufen. Wäre auch eine Option gewesen. Nur hätte die Scanzeit bei einer vernünftigen Auflösung bestimmt eine Minute oder länger pro Aufnahme gedauert. Die Zeit wollte ich nicht investieren. Außerdem hat man dann nur jpg-Files und keine Raw-Fotos, die sich schlechter nachbearbeiten lassen.
  5. Möglichkeit: Mit der Kamera abfotografieren. Dazu einen DSLR-Objektiv-Aufsatz zum Digitalisieren von Negativen verwenden. Kostet ein „Appel und ein Ei“, aber ich hatte zu der „supereinfachen“ Lösung nicht so das rechte Vertrauen. Vor allen Dingen: Wie sieht es da mit einer Beleuchtungsquelle und deren Befestigung aus? Daher entschied ich mich für die folgende Variante zum Abfotografieren: Do it yourself:
  6. Möglichkeit:  Was wird dazu benötigt? Eine „normale“ digitale Spiegelreflexkamera, ein Objektiv, mit dem man variabel an die Negative heranfahren kann (z.B. mit einem Balgengerät), eine Halterung für die Negativstreifen und eine Lichtquelle. Bis auf die Halterung war alles vorhanden. Also bat ich meinen bastelnden Sohn Mike, mir eine solche zu bauen. Er hat Spaß daran.

Und dann ging es los.

Hier als erstes das Ausgangsmaterial:

Halbwegs ordentlich katalogisiert musste ich „nur“ noch die Streifen aus der Hülle frickeln. Und dabei trat schon die erste Schwierigkeit zutage. Als ich damals die Fotos aus dem Labor zurückbekam, waren diese (zur Vermeidung von Fingerabdrücken und um sie für Nachbestellungen beschriften zu können) an einer Papierlasche befestigt.

Diese ließ sich zwar ohne Beschädigung der Negative entfernen, aber winzige Klebstoffreste sorgten bei der jetzigen Aktion dafür, dass sich die Streifen stellenweise nur mit etwas Gewalt herausziehen ließen.

Nächster Schritt:


Negativstreifen einfädeln. Man sieht hier den Aufbau der Apparatur. Das Handy stellt die Beleuchtungsquelle dar, davor ist die Halterung, in die die Negative eingefädelt werden. Diese zu bekommen war das größte (und doch kleinste) Problem. Wonach im Netz suchen? Selbst mein Fotohändler des geringsten Misstrauens, Calumet in Essen, konnte mir da weder mit Rat noch mit Tat weiterhelfen. Und die Lösung lag soooo nah: Einfach mal ins Bad, da stand noch mein altes Vergrößerungsgerät im Schrank und genau dort befand sich die Schablone, um die Negative einzuziehen.

Als Kamera verwendete ich meine bewährte Nikon D4. Mit 16 MP stellt sie für mich einen guten Kompromiss aus Auflösung und Dateigröße dar. Hätte ich meine D800 mit 36 MP genommen, ich wäre der Datenflut nicht mehr Herr geworden. Und die Bearbeitungszeit am Rechner wäre auf ein vielfaches angewachsen.

Als Beleuchtungsquelle darf ich hier mein Android-Handy vorstellen. Es gibt verschiedene Apps für diesen Zweck, ich entschied mich für Pocket-Softbox. Hier kann ich einen „weißen“ Hintergrund einstellen. Genauer gesagt konnte ich sogar die Farbtemperatur wählen. Ich entschied mich für 5000 K und stellte diese auch an der Kamera ein.

Dann die Kamera auf dem Stativ leicht nach oben richten, damit das Handy nicht so leicht runterfällt und justieren. Für die ersten Aufnahmen hatte ich so exakt wie möglich an das Negativ herangezoomt, stellte aber fest, dass ich es nicht schaffte, den wirklich genauen Ausschnitt immer zu treffen. Schon geringste Anstubser am Handy verschoben mir diesen. Und was noch lästig war: Da ich mit zu kurzen Armen und daher einer Lesebrille gesegnet bin, musste ich zum Einfädeln die Brille aufsetzen, zum Blick durch den Sucher diese wieder abnehmen und so fort. Ein weiteres Problem ergab sich durch die Schwerkraft. Jeweils beim ersten und letzten Bild eines Streifens hing dieser zur Seite etwas durch (Schablone hatte ein wenig Spiel), so dass das Bild etwas schräg in der Halterung stand. Festhalten mit der Hand ging nicht, dazu war die Belichtungszeit zu lang.Eine Lösung all dieser Probleme ergab sich durch einen Wechsel der Kameraaufstellung. Linse, Kamera + Halterung nach unten, das Negativ hängt nicht mehr schräg durch, die Sucherfokussierung wurde durch den Live-View ersetzt. Und das Handy fällt auch nicht runter, wenn man ein stärkeres Gummi wählt.

Und wie man sehen kann, habe ich den Ausschnitt etwas großzügiger angesetzt. Im Liveview kann man relativ leicht das einzelne Bild im Rahmen einpassen, so dass keine weißen Ränder entstehen. Zur Belichtung wählte ich an meinem 60mm Makro Objektiv die Blende 8 und ließ die Zeitautomatik den Rest erledigen. Dabei kamen üblicherweise Belichtungszeiten zwischen einer 15tel Sek. bis zu einer Sekunde raus. Autofokus funktioniert mit dem Balgengerät natürlich nicht und es wurde einmal im Liveview fokussiert.

Nach jedem Film einmal ohne ein Bild vor der Linse auf den Auslöser gedrückt, damit ich die Filme voneinander trennen kann am Rechner.

Bei ganz alten Filmen, die ich noch selbst entwickelt hatte, konnte ich diese Papierhüllen verwenden (da sie nicht vom Labor in kleinere „Einheiten“ zerschnitten wurden). Das reduziert den „Einfädelaufwand“. Und die Zeit für einen Film auf ca. 7 Minuten.

Los gehts. Ungefähr 10 Minuten brauchte ich für einen normalen 36er Film in den Hüllen mit 4er-Streifen, dann hatte ich alle Aufnahmen auf dem Chip.

So wühlte ich mich durch die Negativstreifen, bis ich ca. 400-500 Fotos gemacht hatte.

Dann ab an den Rechner. Alle Bilder erstmal in ein temporäres Verzeichnis auf der Festplatte. Dann für jeden Film ein Verzeichnis anlegen und die Fotos dort hineinschieben.

Für jeden Film einzeln der Import in Lightroom:

Beim Import vergab ich für jeden Film vorsichtshalber das Stichwort „negativ“, um sie später mal schnell wiederzufinden. Zusätzlich noch weitere Stichworte, wo es passend erschien.

Nun haben Farbnegative den eklatanten Nachteil, dass sie durch die Filmemulation schon einen kräftigen Rotstich mitbringen. Dieses Problem wurde durch ein spezielles Template gelöst, welches die Invertierung und die Beseitigung dieses Farbstiches hinbekommt. Und wenn dann die Vorschaubildchen so nach und nach erzeugt werden, kommt das große „Aha-Erlebnis“: Die Bilder werden schöööön.

Für die SW-Negative verwendete ich ein weiteres Template, welches nach ein paar Filmen in Richtung Helligkeit, Kontrast, Tiefen und Lichter optimiert wurde.

 

Jetzt gibt es nur noch vier Schritte zu tätigen: Beschneiden, die Ausrichtung korrigieren, Verschlagworten und letzte Bildanpassungen vornehmen. Das Beschneiden ist relativ einfach zu erledigen: Im Entwicklen-Modus wird das erste Bild zugeschnitten. Dann in den Bibliotheksmodus wechseln, mit strg+A alle Bilder außer dem ersten markieren und mit strg+alt+v die Einstellung auf alle anderen Aufnahmen anwenden.

Das Verschlagworten kann filmeweise erfolgen, wenn es sich um das gleiche Thema handelt. Bei Einzelpersonen kommt man nicht um die Handarbeit herum. Zur Personen-/Gesichtersuche in LR habe ich nicht so das rechte Vertrauen, zumal ich die gefundenen Personen dann nicht bei den Stichworten wiederfinde, sondern eine extra Suche/Filterung aufmachen muss.

So far, so good. Fehlt jetzt noch der Export. Den kann und sollte jeder selbst für sich konfigurieren.

Tipps:

  • Wenn es eine Möglichkeit gibt, den Handybildschirm so zu sperren, dass bei einer versehentlichen Berührung nicht die Softbox-App weggeschaltet wird, solltet ihr sie nutzen.
  • Wenn ihr nicht den Live-View, sondern den Sucher verwenden wollt, achtet darauf, ob eure Kamera 100% des Sucherbildes anzeigt.
  • Die Arbeit mit dem Live-View kostet Akku-Kapazität. Seht zu, dass ihr einen Reserve-Akku bereit liegen habt.
  • Beim Entwickeln dran denken: Der Regler für die Belichtung funktioniert in der entgegengesetzten Richtung.
  • Jedes Bild setzt den „Shutter-Count“ hoch. D.h. wenn ich fertig bin, hat die Kamera ca. 19.000 Auslösungen mehr auf dem Buckel. Das kann bei preiswerten Konsumerkameras schon einen erheblichen Teil der Lebensdauer ausmachen.

Und die Quintessenz aus der Geschichte: An den ersten beiden Tagen des Jahres 2018 habe ich ca. 80 Filme digitalisieren können. D.h. es wird mir für lange und regnerische Abende noch genug Arbeit übrig bleiben. Der Lohn der Mühe besteht darin, längst vergessene, in Alben verstaubende Fotos von alten Freunden, von Verblichenen und sonstigen geliebten Menschen wiederzufinden. Und (so sie noch leben) auch mit diesen zu teilen.

Sollte also jemand aus meiner Vergangenheit diesen Post bis hierhin lesen, sich daran erinnern, dass er oder sie mal vor meine Linse gelaufen ist, sei es bei einer Vereinsveranstaltung, bei Mannschaftsfotos oder bei Fotoshootings: Ihr seid herzlich eingeladen, euch bei mir zu melden. Ich werde dann sehen, welche Namen/Gesichter ich noch identifizieren kann und euch gerne die Aufnahmen – dann natürlich DIGITAL – zukommen lassen.

Schreibe einen Kommentar