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29.04.2026 – Fahrt nach Portland

Der Morgen beginnt in Seattle, und er beginnt früh. Zu früh. Die Art von früh, bei der man sich fragt, ob die Nacht überhaupt stattgefunden hat. Unser Ziel: Portland, Oregon. Zwei Stunden Fahrt. Ein kleiner Schritt für uns – ein großer für die Reisekasse.

Wir müssen Vorräte aufnehmen. Keine Luxusgüter, sondern Dinge, die über das Überleben entscheiden: Coffee Creamer, Soja‑Vanillemilch und der Jalapeño‑Artichoke‑Dip, der uns schon durch härtere Zeiten gebracht hat als man zugeben möchte.

Bevor wir aber losfahren können, brauchen wir ein Fahrzeug. Das Hotelshuttle bringt uns um acht Uhr zum Flughafen, gerade rechtzeitig, um uns daran zu erinnern, dass Frühstück nur ein schwacher Trost für Schlafmangel ist. Ein zweiter Shuttlebus sammelt uns ein und spuckt uns bei der Mietwagenstation wieder aus.

Dort steht er: ein Dodge RAM 2500. Gebucht hatten wir etwas Kleineres. Bekommen haben wir diesen rollenden Gebirgszug. In Zeiten knapper Trucks nimmt man, was man kriegt. 4.700 Meilen, ein paar Beulen – nichts, was nicht schon Schlimmeres gesehen hätte. Er wird fahren. Hoffentlich.

Wir kehren zum Hotel zurück, checken aus, laden das Gepäck ein und machen uns auf den Weg nach Süden. Die Sonne meint es gut mit uns. Centralia lassen wir links liegen – das Outletcenter winkt verführerisch, aber wir bleiben standhaft. Unser erstes Ziel: eine Boot Barn. Meine Einlegesohlen der Cowboystiefel haben den Geist aufgegeben, obwohl ich nicht meilenweit für Camel gelaufen bin. Ein Witz, den nur die Älteren verstehen. Und die Raucher.

Im Laden stolpere ich über eine fellgefütterte Lederjacke. Sie sieht aus, als hätte sie auf mich gewartet. Sie passt wie angegossen. Entscheidungen können schwer sein – diese war es nicht.

Dann endlich: Costco. Probierstände, die einem das Gefühl geben, man hätte bereits zu Mittag gegessen, bevor man überhaupt bezahlt hat. Mit einem gut gefüllten Einkaufswagen verlassen wir das Schlachtfeld und fahren weiter zu Walmart, um den Rest der Vorräte zu sichern.

Als wir im Hotel einchecken, ist der Tag schon weit fortgeschritten. Das Zimmer – eine Suite mit einem Kingsize‑ und einem Queen‑Bett – ist eine willkommene Festung.

Jetzt beginnt das große Umräumen: Der Fotorucksack wird mit den wichtigsten Geräten aus dem Fotokoffer bestückt. Es war eine Wohltat, das Gewicht nicht den ganzen Tag auf dem Rücken tragen zu müssen. Man wird nicht jünger. Nur vorsichtiger.

Ein Hotelangestellter hat uns zwei Tipps gegeben: Tabor Park oder Rocky Butte. Wir kennen Rocky Butte, also steuern wir zuerst Tabor Park an. Ein Fehler. Offenbar hatte der Mann denselben Rat an halb Portland verteilt. Parkplätze? Fehlanzeige. Mit etwas Mühe drehen wir unseren massigen Truck und fahren weiter zum Rocky Butte.

Dort ist es wie beim letzten Mal: ruhig, angenehm ruhig. Parkplätze gibt es genug, und auf dem Aussichtspunkt tummeln sich keine zwanzig Menschen. Wir sind früh dran, genießen einen kleinen Snack und die Aussicht, die sich langsam entfaltet wie ein gut gehütetes Geheimnis.

Im Osten öffnet sich die Columbia River Gorge.

Zwischen den Bäumen taucht der Mt. Adams auf,

weiter westlich die unversehrte Seite des Mt. St. Helens.

Die Sonne steht tief, setzt die Pusteblume in warmes Licht

und trifft irgendwann nur noch die Spitze des Mt. Adams.

Später sinkt sie hinter die Berge – leise, als wolle sie niemanden wecken.

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