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12.09.2026 – Von Alamosa nach Santa Fe

Auch heute warf mich das Jetlag zu unchristlicher Zeit aus dem Bett. Theoretisch hätten wir die Zeit nutzen können, um noch zum Tagesbeginn in den Great Sand Dunes National Park zu fahren. Aber erstens waren wir dort schon und zweitens sind wir im Urlaub und nicht auf der Flucht. Die Fahrt nach Santa Fe wird schon anstrengend genug mit den Zwischenzielen, die wir eingeplant haben.

Wir füllten zuerst unsere Wasserflaschen auf, den der Tag versprach, warm zu werden. Der Weg führt uns zunächst auf die 285 nach Süden, wo wir in Antonio nach Westen auf die 17 abbogen. Dort liegt in weiter westlich das Städchen Chama. Sie ist der Start- und Endpunkt der Cumbres & Toltec Railroad. Sie ist eine der spektakulärsten historischen Schmalspurbahnen der USA.

Die Strecke ist 64 Meilen (103 km) lang und verbindet Antonito (Colorado) mit Chama (New Mexico). Sie wurde 1880 als Teil der San Juan Extension der Denver & Rio Grande Railway gebaut – einer Schmalspurbahn mit 3‑ft‑Gleisweite, die günstiger war und engere Kurven zuließ.

Die Bahn überquert:

  • den 10.015 ft (3.053 m) hohen Cumbres Pass – der höchste reguläre Eisenbahnpass der USA
  • die dramatische Toltec Gorge, eine rund 600–1.000 ft tiefe Schlucht des Los Pinos River

Der Name ist rein geografisch motiviert – die Bahn wurde nach den beiden eindrucksvollsten Naturmerkmalen ihrer Route benannt:

Cumbres Pass

  • „Cumbres“ ist spanisch für „Gipfel“ oder „Kämme“.
  • Der Pass ist der höchste Punkt der Strecke und war schon im 19. Jahrhundert ein markanter Orientierungspunkt.

Toltec Gorge

  • Die Schlucht ist eine der spektakulärsten Eisenbahnpassagen der USA.
  • Der Name „Toltec“ ist älter und bezieht sich vermutlich auf die Tolteken, eine präkolumbische Kultur Mexikos – ein typisches Beispiel für die romantisierende Namensgebung der Pionierzeit.
  • In der Eisenbahnliteratur des 19. Jahrhunderts wurde die Schlucht als nahezu „unübertrefflich“ beschrieben.

Als wir in Antonio einfuhren, sahen wir schon von weitem die Rauchschwaden in die Luft steigen. Als wir näher kamen, stellten wir fest, dass es kein Waldbrand war, sondern die alte Dampflok der Bahn, die angeheizt wurde, um ihre Fahrt nach Chama zu beginnen. Ein paar Leute standen auch dort herum, aber es wunderte uns schon, dass die Bahn für die wenigen Fahrgäste in Fahrt gesetzt wurde. Kurze Zeit später trafen mehrere Reisebusse ein. Die werden den Zug damit wohl vollkriegen.

Wir konnten jedenfalls die Gelegenheit nutzen, um in aller Ruhe die Bahn und den Bahnhof von vorne und hinten zu fotografieren

und auch mal in einen der Waggons einzusteigen. Es mag ja ein aufregendes Erlebnis sein, mit diesem Zug durch die Botanik zu fahren, aber ich gestehe, dass die Massagesitze unseres Leihwagens meinem Rücken besser gefielen. Also setzten wir uns wieder auf die Straße und ließen diesen Teil der Eisenbahnerromantik hinter uns, wie wir meinten.

Den Cumbres Pass kletterten wir mühelos rauf, genossen die langsam gelb werdenden Blätter der Aspen

und als es schon wieder bergab ging und wir Schienen überqueren wollten, stand dort ein Mann, der uns gnädigerweise ohne anzuhalten passieren ließ. In der Ferne schon wieder dicke Rauchschwaden, diesmal in schwarz. Das kann doch nur eines bedeuten. Wir wendeten und stellten uns wartenderweise an den Straßenrand. Und da kam sie auch schon. Keuchend, schnaufend und schwarzen Rauch ausstoßend, zog die Lok langsam ihre Wagen den Berg hinauf. Das war der Gegenzug, der aus Chama kam. Vielleicht erwischen wir den Zug aus Antonio, wenn wir am Endpunkt angekommen sind.

Kurze Zeit später rollten wir dann in Chama ein. Das Internet sagt zu diesem Städchen:
Chama ist klein, aber für Reisende ein echtes Juwel — ein Ort, der viel mehr bietet, als man auf den ersten Blick erwartet. Die Mischung aus Eisenbahn‑Romantik, Berglandschaft und Western‑Atmosphäre macht den Ort zu einem perfekten Zwischenstopp, gerade wenn man aus Colorado kommt.

Der Name Chama geht auf den Rio Chama zurück, den Fluss, an dem die Stadt liegt. Dieser Flussname wiederum stammt aus dem Tewa, einer Sprache der Pueblo‑Völker. Die spanischen Entdecker übernahmen den Begriff vermutlich als Lautform des Tewa‑Wortes Tsâmâ, das sich auf ein nahegelegenes, heute verschwundenes Tewa‑Pueblo bezieht. Damit ist Chama ein Ortsname, der aus der indigenen Sprache über die spanische Kolonialzeit in die heutige Form gelangt ist.

Ehrlich gesagt halte ich diese Beschreibung für etwas übertrieben und geschönt. Der Bahnhof ist nett, wie auch in Antonio, die Toiletten sauber, aber ansonsten ist hier der Hund begraben, wenn nicht ab und zu die Eisenbahn vorbeikäme.

Von Chama aus setzten wir uns auf die 84 nach Süden, unser nächstes Ziel war die Plaza Blanca. Ich hatte mir bei Google Maps einen Punkt markiert, der zu einem Ort selbigen Namens führte, aber nicht dahin, wo wir hin wollten. Schließlich landeten wir in Abiquiú.

Der Name Abiquiú stammt ebenfalls aus der Tewa‑Sprache der Pueblo‑Völker (nicht zu verwechseln mit den heutigen Wandersandalen). Die ursprüngliche Bezeichnung lautete Phé shúu ú / Ávéh Shúu, was „Holzpunkt“ bzw. „Stück Holz am Vorsprung“ bedeutet. Die spanischen Siedler übernahmen diesen Namen phonetisch und formten daraus Abiquiú. Damit geht der Ortsname direkt auf ein prähistorisches Tewa‑Pueblo zurück, das an derselben Stelle lag und später von den Spaniern neu besiedelt wurde. Heute ist die Tankstelle mit dem angeschlossenen Laden eine der zentralen Stellen in dieser Gegend. Abgesehen natürlich vom Pink Flamingo, der deutlich sichtbar am Straßenrand steht.

Eine Querstraße rein (das Navi hatte angenommen, der Flamingo stände dort) die ersten Adobe Bauten. Hier die Saint Thomas the Apostel Catholic Parish.

Unter den wachsamen Augen des Flamingo betrieben wir etwas Recherche (es gab für unsere Handys Empfang). Die Plaza Blanca, die ich im Sinn hatte, war ähnlich der Paint Mine eine Gegend mit geologisch interessanten Formationen. Eine genaue Wegbeschreibung hatte ich im Internet gefunden, eine andere besagte, man müsse sich online beim Retreat Dar al Islam einen Zugangscode beantragen. Dieses ist man ja mittlerweile gewohnt. Den Zugangscode hatten wir, die Beschreibung ebenfalls und so standen wir 2,3 Meilen später vor einem Eisentor, wo wir den Code eingeben konnten. Und Sesam öffne dich, das Tor ging auf. Wenige Meter später konnten wir unseren leicht angestaubten Wagen auf einem „Parkplatz“ abstellen, wo sich noch ein anderes Auto befand.

Die Plaza Blanca besteht sie aus hellen, weichen Sedimenten der Ojo Alamo-Formation, die durch Erosion zu markanten Türmen, Rinnen und Badlands geformt wurden. Historisch ist die Gegend eng mit der Kultur der Pueblo-Völker und später der spanischen Kolonialzeit verbunden. Die strahlend weißen Felsformationen machten Plaza Blanca zu einem ikonischen Motiv der amerikanischen Landschaftskunst.

Der Weg war gut sichtbar und so stiefelten wir wohlgemut und mit reichlich Wasser ausgerüstet den Berg hinunter. Und schon wieder befanden wir uns in einem Wunderland von weißen Türmen, Hoodoos und Erosionsformen.

Wir marschierten entlang eines trockenen Flussbettes (hoffentlich kommt keine Flash-Flood) und staunten über das, was die Natur alles zustande bringt, wenn man sie lässt.

Am Ende wurde die Schlucht dann immer enger und ich musste mir überlegen, ob ich ohne Kamerarucksack durch einen engen Kamin nach oben ins nächste Tal klettern sollte. Ich entschied mich dagegen, denn es war wie gestern schön warm geworden.

Also machten wir uns gemütlich auf den Rückweg. Und das war gut so. Uns strömten die Besuchermassen nur so entgegen (ein Pärchen im Flussbett, 2 weitere am Parkplatz). Wenn das so voll wird, macht das keinen Spaß mehr.

Zurück mit dem Auto nach Abiquiù und dann auf direktem Weg nach Santa Fe, wo wir drei Nächte verbringen werden.

Linker Hand auf der 285 sichteten wir wieder weißen Rauch. Aber diesmal keine Dampflok, sondern ein Waldfeuer. Hoffentlich bekommen sie es unter Kontrolle.

 

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