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09.05.2026 – In der Sawtooth National Recreation Area

Heute Morgen wurde ich um 4 Uhr geweckt, weil die Heizung ansprang. Richtig gelesen: die Heizung. Ein Blick aufs Handy zeigte 3 °C, immerhin im Plusbereich.

Als die Sonne aufgegangen war, ging ich auf den Balkon. Herrlich frische Luft umfing mich, der würzige Duft von Nadelbäumen. Gegenüber die Berge mit den Skihängen (die aber jetzt nicht mehr in Betrieb sind – vermutlich hat man die Saison irgendwann für beendet erklärt). Uns geht es gut. Irgendwie erinnerte mich die Szenerie an unser kleines und gemütliches Hotel in Lone Pine, Kalifornien. Klein ist es hier nicht, aber gemütlich.

Und es ging noch weiter mit dem Gemütlichen. Das Frühstück konnte sich wirklich sehen lassen: Wir haben mal wieder nicht auf Papptellern und Plastikgeschirr gespeist, sondern auf Porzellan und Metallbesteck. Selbst die Kaffeebecher waren nicht aus Plastik. Ein Luxus, der heutzutage fast schon UNESCO‑Weltkulturerbe‑Status verdient.

Heute wandeln wir erneut auf den Spuren unserer Geschichte. Die Gegend nördlich von Ketchum ist einfach zu schön, um sie links liegen zu lassen. Zu viele schöne Erinnerungen verbinden wir damit. Also geht es bei stahlblauem Himmel und ohne eine einzige Wolke auf der 75 Richtung Norden. Wenn schon Nostalgie, dann bitte mit perfekter Beleuchtung.

Ketchum sieht noch so aus, wie wir es gewohnt sind, vielleicht sind ein paar neue Gebäude dazugekommen.

Schnurgerade zieht sich die Straße sanft ansteigend durch das Tal, links und rechts Farmen und luxuriöse Wohngebiete, unterbrochen von Golfplätzen. Offenbar hat man hier viel Platz und noch mehr Rasenmäher. Normalerweise klammert man sich ja an die Höchstgeschwindigkeit (hier 65 mph), aber ich zog es vor, mit 50 Sachen entlangzuzockeln und die “Raser” vorbeizulassen. So schnell wollte ich diese schöne Szenerie einfach nicht hinter mir lassen.

Aber uns interessieren weder Golfplätze noch Farmen. Wir wollen endlich eine der schönsten Hot Springs wiederfinden, die wir auf dem Hinweg (vermutlich wegen Müdigkeit) einfach übersehen haben: Russian John. Google Maps schweigt sich dazu aus wie ein Teenager, der nach der Party befragt wird. Eine KI hingegen liefert immerhin Koordinaten – die allerdings überall hinführen, nur nicht zur Quelle. Aber auch wenn wir alt sind: Unser Gedächtnis funktioniert noch ganz gut. Zumindest für die letzten 30 Jahre.

Wie die Gegend aussah, an welcher Straßenseite die Quelle lag und dass eine Dirt Road zu ihr hinführte – das alles hatte sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Manchmal überrascht man sich selbst.

Und da war sie. Der Parkplatz so, als hätten wir ihn erst gestern verlassen und nicht vor 30 Jahren. Und die Quelle ebenfalls. Ein kurzer Test mit dem großen Zeh: angenehm warm, nicht zu heiß, nicht zu kalt.

Einen Augenblick genießen wir die Wärme und die Aussicht auf die gegenüberliegenden Berge. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Dann zieht es uns weiter, wieder auf den Galena Summit. Die Temperatur hier beträgt jetzt weniger als 10 °C. Meine Göttergattin hat sich angemessen gekleidet, ich hingegen sehe es nicht ein, auf Shorts und Flip-Flops zu verzichten. Prinzipien müssen schließlich verteidigt werden.

Nachdem wir den Berg in langen Schleifen wieder hinuntergefahren sind, richten wir unser Augenmerk auf die Straßen, die nach links abgehen. Hier liegen einige wunderhübsche Bergseen, welche in nur wenigen Meilen von der Hauptstraße zu erreichen sind. Komfortabel genug, um nicht als „Wanderung“ zu gelten.

Wir beginnen mit dem Alturas Lake. Aufgrund der Höhe sind dort noch einige Campgrounds gesperrt, auch die Gebühreneintreiberei wird noch nicht ernst genommen. Aber der Blick ist trotzdem one of a thousand.

Beim Verlassen der Recreation Area überqueren wir einen der vielen Flüsse, die das Land durchkreuzen. Wasser gibt es hier genug – man muss es nur fotografieren.

Wieder zurück auf der Hauptstraße sehen wir rechter Hand helle Punkte, die sich nicht bewegen. Es handelt sich um Pronghorn-Antilopen, welche sich auch durch unser Anhalten nur wenig stören lassen. Wahrscheinlich haben sie schon Schlimmeres gesehen. Und so kann ich die Reservekamera mit der Dicken Berta bestücken und versuchen, die grazilen und schnellen Tiere abzulichten. Sie posieren geduldig wie Models, die nach Stunden bezahlt werden wollen.

Ein Stückchen weiter steht ein Pkw am Straßenrand, die Besatzung hat einen Platten. Wir fragen, ob wir helfen können, aber die Jungs winken ab. Die Gefahr, dass sie am späten Vormittag hier von Wölfen oder Bären gerissen werden, ist gering. Also mache ich noch ein Foto von den in der Sonne liegenden Bergen mit den äußerst dekorativen Zäunen davor (s. Titelbild). Man muss Prioritäten setzen.

Die nächste Straße, die links zu einem See abgeht, führt zum Pettit Lake. Ursprünglich hatte ich den Namen auf das französische petite=klein zurückgeführt, aber das trifft offensichtlich nicht zu. Auch das Netz der Netze hat keine Erklärung zum Ursprung dieses Namens. Vermutlich irgendein Trapper, der sich hier mal die Finger verbrannt hat. KIs wissen auch nicht alles. Auch nicht, dass die Straße in einem üblen Zustand ist. Vermutlich werden deswegen dort keine Gebühren erhoben. Aber der Ausblick wäre es schon wert.

Der nächste Halt ist ein absolutes Muss: die Sawtooth Main Fish Hatchery. Hier wird dafür gesorgt, dass die Lachse sich in ausreichender Zahl vermehren. Früher hatten unsere Jungs großen Spaß dabei, die Futterautomaten zu leeren. Heute waren alle Becken leer – vermutlich haben die Fische Urlaub. Oder sie ziehen gerade nicht.

Unser nächster Anlaufpunkt ist der Redfish Lake. In früheren Jahren waren wir immer zur Hauptsaison im Sommer dort – ein unerträglicher Zustand. Abgesehen davon, dass es kaum Parkplätze gab, quollen die Strände mit Touristen über. Dieses Problem hatten wir heute nicht. Ein paar Sonnenanbeter aalten sich im Sand, Hunde tobten in der Dog Area, alles war friedlich. Und der Blick? Seht selbst. Er lohnt sich.

Auf dem Rückweg stoppten wir noch kurz an einem Turnout, weil wir hinter den Bäumen etwas Blaues und Feuchtes hatten schimmern sehen. Das war nicht der Redfish Lake, sondern sein kleiner Bruder, der Little Redfish Lake. Hier hatte der Tourismus überhaupt nicht hingespuckt; wir konnten uns in aller Ruhe auf einen Stein setzen und ein kleines Picknick genießen. Luxus pur.

Das ging zwar auch von unserer Zeit ab, war aber nötig. Dann näherten wir uns wieder Stanley und bogen diesmal nicht nach links in Richtung Idaho City ab, sondern folgten weiter der 75, die sich an den Salmon River anschmiegend durch die Berge zieht.

Obwohl die Gegend sehr dünn besiedelt ist, gibt es hier einige wohlhabende Menschen. Zum Beispiel solche, die sich diese Hütten in die Pampa stellen können.

Wir wollten nach dem Foto gerade wieder abdrehen, als sich auf einem Torpfosten ein Raubvogel niederließ. Ich vermute, es handelte sich um einen Fischadler, einen Osprey. Er sah jedenfalls so aus, als hätte er gerade einen Termin abgesagt, um für uns zu posieren.

Nachdem wir ihn genug gestalkt hatten, konnten wir endlich auf der 75 weiterfahren. Aber bitte ganz vorsichtig. Denn von früher wussten wir, dass es direkt rechts am Straßenrand eine weitere heiße Quelle gab: die Boat Box Hot Spring. In früheren Jahren war es ein riesiger Holzzuber, in den das heiße Wasser reinlief, sodass man aus dem Fluss kaltes Wasser dazuschöpfen musste, wollte man nicht wie in einem Kannibalenkochtopf durchgebrüht werden. Heute ist es moderner – aber nicht weniger heiß.

Die 75 hat noch etliche heiße Quellen, eine bei Mormon Bend (die wir aber nicht wiederfinden konnten) und eine namens Cove Creek Hot Spring. Diese habe ich nicht fotografiert, weil wir dazu erst den Berg hätten hinunterlaufen müssen. Und dazu fehlte uns einfach die Zeit. Oder die Motivation. Oder beides.

Als letzte Quelle besuchten wir die Sunbeam Hot Spring. Diese ist a) ziemlich bekannt und b) sehr leicht zu finden. Steht doch in der Nähe ein „Badehaus“, welches in früheren Jahren (also vor meiner Zeit) als was auch immer gedient hat. Vermutlich als Badehaus, was auch immer das bedeutet.

In heißem Schwall strömt das kochend heiße Wasser aus einem Rohr, und man muss sich selbst darum kümmern, eine Stelle mit dem richtigen Durchmischungsgrad von kaltem und warmem Wasser zu finden, auf dass man nicht krebsrot wieder rauskommt. Ein Spa zum Selbermischen.

Mittlerweile war es 16:25 Uhr geworden, und nach Ketchum zurück dauert es gut 90 Minuten ohne Stopps.

Einen mussten wir noch am Salmon River einlegen. Zu schön heben sich die weißen Berge vor dem blauen Flusswasser ab. Man kann da nicht einfach vorbeifahren.

Dann aber schafften wir es wirklich, ohne erneut anzuhalten, bis nach Ketchum durchzufahren.

In der Abendsonne leuchtete unser Hotel, und wir gaben uns ans Abendessen. Schließlich muss man Prioritäten setzen.

Ach ja, wer die genauen Koordinaten der Hotsprings wissen möchte, sie stehen demnächst in der gedruckten und der E-Book-Version dieses Reiseberichts.

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