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08.05.2026 – Fahrt von Nampa nach Ketchum

Auch dieses Peppertree Hotel müssen wir verlassen. Es scheint eine Eigenart der Kette zu sein, auf den Schreibtischen keine Lampe hinzustellen. Sparsamkeit? Wahrscheinlich. Egal. Wir haben uns in dem großen Zimmer sehr wohlgefühlt, und die Kaffeemaschine im Frühstücksraum hat einen guten Latte produziert.

Heute geht es nach Ketchum. Dieses Skidorf in den Sawtooth-Bergen liegt ca. 150 Meilen nordöstlich von Nampa, raus aus dem Großstadtkomplex, der sich ähnlich wie Los Angeles oder das Ruhrgebiet über viele Quadratkilometer hinzieht. Aber einfach nur auf dem schnellsten Weg – das wäre zu einfach. Das können wir nicht. Schließlich sind wir auf Revival-Tour. Und das bedeutet, dass wir die Runde drehen über Idaho City und Stanley und die SRNA, die Sawtooth National Recreation Area.

Bevor wir die Stadt verlassen, fotografiere ich noch schnell die beiden „Hexenhäuschen“, die uns jeden Morgen begegnen, wenn wir den Hotelparkplatz verlassen. Man weiß ja nie, wann man so etwas wieder braucht.

Dann geht es ein paar Kilometer über den Interstate Highway 84 nach Osten, bis wir hinter Boise auf die 21 nach Norden abbiegen. Hier kreuzen wir das Lucky Peak Reservoir, ein riesiger Stausee ähnlich dem Lake Mead in Arizona – nur ohne dessen Bekanntheitsgrad. Und ohne die roten Felsen. Eigentlich ohne alles, was Lake Mead ausmacht, außer dem Wasser.

Nach einigen flott gefahrenen Meilen landen wir bei unserem ersten Etappenziel, Idaho City.

Idaho City ist ein kleines, aber geschichtsträchtiges Bergstädtchen im Boise Basin – einst ein pulsierendes Goldrausch-Zentrum, heute ein ruhiger Ort mit viel „Wild-West“-Atmosphäre. Mitte der 1860er war Idaho City mit rund 7.000 Einwohnern sogar die größte Stadt im Nordwesten, größer als Portland.

Gegründet wurde der Ort 1862 unter dem Namen Bannock, mitten im größten Goldboom seit Kalifornien. Die Lage an Elk und Mores Creek sorgte für reichlich Wasser, was den schnellen Aufstieg begünstigte. Später wurde der Name in Idaho City geändert, um Verwechslungen mit Bannack in Montana zu vermeiden.

Die Stadt brannte mehrfach nieder – Holz war damals das wichtigste Baumaterial – und wurde immer wieder aufgebaut. Heute prägen restaurierte Fassaden, alte Backsteingebäude und Relikte wie der Boot Hill Cemetery das historische Zentrum.

Nach dem Ende des Goldrauschs schrumpfte die Bevölkerung rapide; 2020 lebten hier nur noch 466 Menschen. Die moderne Wirtschaft stützt sich vor allem auf Tourismus, historische Spaziergänge, Outdoor-Aktivitäten und die Erkundung der alten Minenlandschaft. Kurz: Man kommt wegen der Geschichte.

Nachdem wir das Nest in der einen und auch in der anderen Richtung im Schritttempo durchquert hatten, ging es wieder auf die Piste. Am South Fork des Payette River riss meine Göttergattin plötzlich das Steuer herum, sodass mir beinahe Kaffee, Handy und Kamera aus der Hand geflogen wären.

Sie hatte einen „alten“ Campground entdeckt, auf dem wir – Geschichte lässt grüßen – vor mehreren Jahrzehnten mit den Kindern eine Nacht verbracht hatten. Der Fluss, die Stromschnellen, die Felsen gegenüber – das alles kam ihr sehr bekannt vor, und sie konnte das sogar per Videokonferenz unserem Ältesten zeigen, der uns, oh Wunder, gerade per WhatsApp-Videocall erreicht hatte.

Ob er alles wiedererkannt hat, kann ich nicht sagen. Jedenfalls hatte die Ecke bei mir keine bleibende Erinnerung hinterlassen, es klingelte absolut nichts. Aber dafür haben Frauen ja so ein fantastisches Gedächtnis. Irgendwer muss sich ja an Dinge erinnern.

Weiter ging es nach Norden zum nächsten Etappenziel (an das auch ich mich erinnern konnte): die Kirkham Hot Springs. Auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses gelegen, fließt heißes Wasser in einem kleinen Fall nach unten, und wenn man sich an der richtigen Stelle eine Art Wanne gebaut oder eine gefunden hatte, konnte es dort ganz schnuckelig sein. Ich fand die Stelle optisch immer recht sehenswert, konnte mich aber nie so recht für das Eintauchen dort begeistern.

Es ging in die Berge, Kurve um Kurve folgte einer weiteren Kurve, bis wir irgendwann den Summit erreicht hatten. Danach gemütlich nach unten. Und da kommen wir zu einer Eigenart dieser Gegend (womöglich auch anderer Teile in Idaho): Überall gibt es Möglichkeiten, sich mit dem Wohnmobil oder dem Zelt hinzustellen – kostenlos. Alle paar Meilen steht rechts oder links ein kleines braunes Schild mit einem symbolisierten Zelt. Camper, kommt doch rein. Wahrscheinlich ist die ganze Gegend deswegen kein Nationalpark, weil die Idahoianer dann nicht mehr mit der gleichen Freiheit in die Wildnis gehen könnten. Und für die Verwaltung ist es vermutlich einfacher, ein paar fest installierte oder auch mobile Toilettenhäuschen hinzustellen, als den Wildsch… hinterher aus den Büschen zu kratzen.

Wir näherten uns jedenfalls der Hochebene von Stanley.

Und direkt danach Stanley selbst. Ein Outpost für die Erkundung von „2.2 million acres of wilderness“, wie ein Schild am Ortseingang verrät. Man weiß sofort, dass man hier nicht versehentlich gelandet ist.

Wir erkunden nicht mal eben die 2,2 Millionen Acres, sondern fahren durch in Richtung Ketchum.

Der Himmel ist zwar bedeckt, lässt aber ahnen, welche Schönheit da auf uns wartet.

Die schroffen Zacken der Sawtooth Mountains erst zur Rechten, dann fahren wir schnurgerade in Richtung Galena Summit.

Hier heißt es kraxeln, der Summit liegt bei 8.800 Fuß. Der Aussichtspunkt kurz vorher zeigt eine wunderschöne Landschaft und auch, dass es hier noch nicht Sommer ist. Gerade mal 55° Fahrenheit = 12°C zeigt das Autothermometer am höchsten Punkt unserer heutigen Tour an. Frisch genug, um wach zu bleiben.

Und Schnee hat es hier auch noch. Auf eine Schneeballschlacht haben wir verzichtet.

Nun geht es schnurstracks immer nach unten. In Ketchum angekommen, wursteln wir uns durch diverse Nebenstraßen, bis wir in der Nähe des Flusses vor der Tyrolean Lodge stehen.

Obwohl im österreichischen Stil aufgebaut, ist es innen gemütlich, und wir haben als Upgrade eine Suite bekommen.

Gut, der Schuppen hat keinen Aufzug, aber wir werden ja zumindest zwei Tage hierbleiben. Zeit genug, um die Treppen zu verfluchen.

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