Wir befinden uns in Nampa, so ziemlich im westlichen Teil von Idaho. Nahe der Grenze zu Oregon. Eine Gegend, in der man sich fragt, ob die Zivilisation hier nur versehentlich vorbeigeschrammt ist. Und in East Oregon liegt eine Landschaft, die so unbekannt ist, dass selbst Google Maps vermutlich zweimal hinschaut. Leslie Gulch. Eine Schlucht, die sich den Beinamen Grand Canyon of Oregon verdient hat, vermutlich weil niemand sonst da war, um Einspruch zu erheben. Ich hatte nur durch soziale Medien davon erfahren – der Amerikaner würde es „most underrated“ nennen. Ich nenne es: „Warum zum Teufel weiß niemand davon?“
Um dorthin zu gelangen, waren es etwas über 60 Meilen. Eine Stunde Fahrt – theoretisch. Praktisch ist das hier der Wilde Westen, und die Straßenlage entscheidet, ob man ankommt oder ob man unterwegs ein neues Leben beginnt. Anfangs ging es durch Farmland, Rinder, Felder, hübsche Neubaugebiete. Dann auf der 95 nach Süden plötzlich Verkehr, als hätte jemand eine Großstadt ausgeladen. Die Schilder erklärten es: Die Route führt nach Winnemucca, Nevada. Eine Stadt, die so weit im Nichts liegt, dass selbst das Nichts sich dort einsam fühlt. Und die muss versorgt werden.
Die Gegend nennt sich Owyhee Country. Wer dabei an Hawaii denkt, liegt richtig. Um 1818 kamen hawaiianische Ureinwohner hierher, vermutlich weil sie dachten, schlimmer als ein aktiver Vulkan kann es nicht werden. Sie irrten sich.
Leider konnten wir nicht auf der 95 bleiben. Irgendwann bog die McBride Creek Road ab – ein scharfer Knick, der aussah, als hätte jemand ihn im Suff gezeichnet. Noch über 10 Meilen. Dirt Road. Natürlich. Mich stört das nicht, aber mein Rücken hat eine andere Meinung. Anfangs ging es noch gut, 35 mph, fast luxuriös.

Die Straße wurde einsamer. Nur ein paar Viehherden, die beschlossen hatten, dass die Straße eine hervorragende Liegewiese ist.

Schöne Farmen säumten die Straße,

aber nicht alle hatten das Memo bekommen, was „schön“ bedeutet.

Die Landschaft war grün, friedlich, harmlos. Nichts deutete darauf hin, dass wir gleich in eine Bergwelt geraten würden, die aussieht, als hätte ein geologischer Gott einen schlechten Tag gehabt.

Das Tal wurde enger, und plötzlich standen wir zwischen rötlich-braunen Felsen, die so schroff waren, dass man sich unwillkürlich auf die Suche nach einem Notausgang machte.


Jede Kurve brachte uns zum Staunen. Und zum Anhalten. Und zum Fotografieren. Die Straße war inzwischen so schlecht, dass Schritttempo schon als sportlich galt. Mehrere Washes kreuzten unseren Weg, und unser RAM hüpfte darüber wie ein schwerfälliger Balletttänzer, der sich Mühe gibt, aber weiß, dass er nicht für die Hauptrolle vorgesehen ist.

Schließlich erreichten wir das Ende der Straße und standen am Owyhee Reservoir. Ein Stausee so groß, dass man sich fragt, ob er nicht heimlich versucht, ein Meer zu werden.

Hier gab es nicht viel zu tun, außer wandern. Der Juniper Gulch Trail wartete. Also Sonnencreme, Wasser, Kamera – die Grundausstattung für Menschen, die sich freiwillig in die Wildnis begeben.

Und wieder tauchten wir ein in eine Welt aus farbigen Felsen und Skulpturen. Normalerweise bin ich nicht der Typ, der Gesichter in Steinen erkennt. Aber diesmal überraschte ich sogar meine Göttergattin.

Sieht man hier nicht zwei Augen? Fast ET. Nur ohne Heimtelefon.
Das nächste Foto ist einfach nur Fels.

Aber bitte, jeder darf im folgenden Foto hineininterpretieren, was er möchte. Kunstfreiheit und so.

Beim nächsten Foto hatte ich sofort eine Erklärung: Dreht es um 90° im Uhrzeigersinn – und da ist er: Kreacher, der Hauself von Sirius Black. Ich schwöre, er hat mich böse angeschaut.

Der Indian Paintbrush erklärt sich von selbst,

und die nächsten beiden Fotos zeigen Felsformationen, die aussehen, als hätte die Natur beschlossen, ein bisschen zu protzen.


Im Joshua Tree National Park gibt es den Skull Rock. Hier steht sein Cousin. Der, der nie zu Familienfeiern eingeladen wird.

Und direkt darüber ein Erdmännchen. Oder ein Prairie Dog. Oder ein sehr neugieriger Stein.

Der Blick zurück zeigte, wie sehr die Faszination von der Sonne abhängt. Gegenlicht macht aus allem ein Rätsel. Trotzdem: Das Tal hatte Stil.

Das nächste Foto überlasse ich wieder dem Publikum. Zwei Figuren? Drei? Ein geologisches Drama?

Auf dem Rückweg sah alles anders aus, und ich bin stolz auf mich, dass ich nicht jeden einzelnen Felsen erneut fotografiert habe. Nur fast.

Bergauf war es nicht minder interessant. Jetzt konnten wir alles ablichten, was wir vorher verpasst hatten:

Ein herrlich bemalter Ford Pickup, erinnerte irgendwie an den „Pussy Wagon“ von Uma Thurman in Kill Bill.

Direkt nebenan ein noch aktives Schulgebäude (es gibt sogar eine Geschwindigkeitsbegrenzung zu gewissen Tageszeiten).

Und eine Briefkastensammlung im Country-Stil. Man hätte eine Westernszene drehen können.
Als wir die Hauptstraße erreichten, ging ein kollektives Seufzen durch unsere Rücken. Ein Ziel hatten wir noch: die Jump Creek Falls. Nur 1,5 Meilen Dirt Road. Ein Klacks. Angeblich.
Plötzlich neben uns ein Sprung nach Texas. Ein Longhorn glotzte uns dumm an.

Vom Parkplatz aus sah man ein enger werdendes Tal. Eine Familie mit Kindern kam uns entgegen. Wenn die das schaffen, schaffen wir das auch. Sagten wir. Laut. Um uns selbst zu überzeugen.

Der Weg war erst leicht, dann weniger leicht, dann „Warum tun wir das eigentlich?“. Aber der Wasserfall war es wert. Ein Mini‑Calf‑Creek‑Falls, nur ohne die Wanderung, die einen an den Rand der Existenz bringt.

Jetzt aber ab ins Hotel. 40 Minuten Fahrt, Felder, Ruhe, Erholung. Ein Tag, den wir so nicht erwartet hatten – und der uns trotzdem erwischt hat wie ein guter Plot Twist.



