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10.05.2026 – Fahrt von Ketchum nach Jerome

Heute Morgen war es wieder richtig schattig. So kalt, dass ich für ein Telefonat auf dem Balkon tatsächlich mein Sweatshirt überwarf – eigentlich nur als Alibi gedacht. Da kommt der Wunsch nach Wärme ganz von selbst. Dass dieser Wunsch später am Tag mehr als erfüllt werden würde, konnten wir da noch nicht ahnen.

Wir frühstückten ein letztes Mal in diesem Hotel, in dem wir uns dank unserer kleinen „Zweiraumwohnung“ wirklich wohlgefühlt haben. Die Mini‑Küche, in der meine Kaffeemaschine ihren Ehrenplatz hatte, tat ihr Übriges. Das Personal war freundlich, herzlich – die bekommen in der Umfrage eine glatte Eins.

Dann ging es nach Süden, Ziel: Jerome, Interstate 84. Zuvor aber ein Abstecher nach Sun Valley, dem Skigebiet der Reichen und Schönen. Beim zweiten Punkt habe ich gelegentlich Zweifel, aber reich sind sie dort definitiv. Ich hatte etwas wie Vail oder Aspen erwartet, aber wir fuhren fast ausschließlich durch Wohngebiete. Manche Häuser stehen so nah an den Liften, dass man praktisch aus dem Wohnzimmer auf die Piste fällt. Warum sollte man so eine Gegend auch mit schnöden Geschäften verschandeln. Dafür gibt es doch Ketchum.

Die Schneekanonen standen müde in der Landschaft, als hätten sie genug vom Winter. Nach ein paar Meilen waren wir wieder auf der Hauptstraße und erreichten Hailey. Hier hatten wir zweimal in einem Ferienhaus gewohnt – und unser Wohnmobil an der Dumpstation mehrmals entsorgt, was die Kinder damals herzlich wenig interessierte.

Die wollten nur zum Skatepark von Dreamland Skateparks. Wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, war der früher kleiner. Heute gibt es zusätzliche Bereiche für Anfänger. Hätte es die damals schon gegeben, hätte sich unser Ältester vielleicht nicht den Arm gebrochen. Zusammengeflickt wurde er in der Skiklinik von Ketchum – die wissen, was sie tun.

Geblieben ist auch „The Mint“. Früher Bruce Willis’ Laden, aber das ist lange her. Neu dagegen: Supermärkte. Wo es früher nur einen General Store gab, stehen heute Albertsons und Grocery Outlet. Die wachsende Bevölkerung fordert ihren Tribut. Geblieben ist auch, dass es nur einen Fastfood‑Tempel gibt – den mit dem goldenen M. Und selbst der versteckt sich, statt wie sonst als Leuchtturm über allem zu thronen.

Der alte Rodeoplatz, früher eine Staubwüste, ist jetzt eine moderne Arena, daneben eine Eishalle. Danach suchten wir unser früheres Ferienhaus. Nach ein paar Irrfahrten fanden wir es schließlich. Ein Ort, an dem wir uns damals wirklich wohlgefühlt hatten. Good bye, Hailey.

Weiter auf der 75 nach Süden, durch Bellevue, das ebenfalls gewachsen ist. Dann die 20 nach Osten – dort wartete die schönste aller heißen Quellen: Wild Rose Hot Spring, auch Carey Hot Spring genannt.

Ein paar Meilen hinter Carey steht ein Turnout, meist mit Autos. Wir stellten uns dazu, ich zog die Badehose an und wir kletterten durchs Lavagestein zur Quelle. Etwas ausgebaut, aber unverändert charmant.

Die anderen Badegäste verschwanden, wir hatten den Pool für uns. Na ja, fast. Eine winzige Schlange glitt durchs warme Wasser und legte sich auf einen Felsen. Da ich kein Slytherin bin, blieb das Gespräch einseitig.

Als meine Haut noch mehr als sonst verschrumpelt war, trocknete ich in der Sonne und wir gingen zurück zum Auto. Weiter auf der 20 Richtung Westen. Hinter dem Abzweig zur 75 lockte Stanton Crossing – ein Zeltplatz, wie Google Maps inzwischen bestätigt. Früher hatten wir dort oft im Schatten geparkt und die Kinder zum Big Wood River geschickt, wo sie Tubing übten: sich in einen Reifenschlauch legen und treiben lassen. Der Platz ist heute größer und gut besucht.

Jetzt aber wirklich nach Süden. Es war nach zwei. Die Landschaft wurde eintönig. So eintönig, dass selbst die Langeweile gelangweilt gewesen wäre.

Nach etwa 40 Meilen erreichten wir Jerome – oder das, was man dafür halten könnte. Ein Übergang von Nichts zu einem anderen Nichts. Zwischen ein paar Fastfood‑Läden stand unser Hotel. Diesmal eine Zweiraum‑Suite direkt gebucht, sehr angenehm.

Da es noch zu früh fürs Bett war, fuhren wir weiter auf der 93 zur Perrine Memorial Bridge. Ein eleganter Stahlbogen über der tiefen Schlucht des Snake River. Basejumper stürzen sich hier in die Tiefe, unten zieht der Fluss ruhig dahin. Der Blick ist grandios, während oben die Autos über einen hinwegdonnern.

Weiter zu den Shoshone Falls, den „Niagara‑Fällen des Westens“. Fünf Dollar Eintritt, und ja – der Name ist verdient. Der Snake River stürzt wild über mehrere Kaskaden. Wir hatten Glück: Im Sommer wird das Wasser zur Energiegewinnung abgezweigt, dann bleibt nur ein trauriges Rinnsal.

Unter demselben Zugang liegt der Dierkes Lake Park, ein riesiges Strandbad mit Spielplatz. Unsere Jungs haben sich dort früher ausgetobt. Besonders beliebt: der Sprung vom fünf Meter hohen Felsen. Da ich kein Jüngling mehr bin – und heute schon gebadet hatte – fiel das für mich aus.

Das Thermometer zeigte inzwischen 93 °F = 33 °C. Ein kleiner Unterschied zu heute Morgen.

Kurz hinter dem Park liegen die Twin Falls. Zumindest einer der Zwillinge war heute nicht zu Hause. Ob der Name dann noch gilt, sei dahingestellt.

Der Blick ins Tal des Snake ist trotzdem sehenswert.

Das war der östlichste Punkt unserer Route. Zurück Richtung Brücke, dort sollte es einen Aussichtspunkt auf die Pillar Falls geben. Ein Stück am Canyonrand entlang, dann hatten wir einen halbwegs brauchbaren Blick auf die kleinen Fälle.

Und dann noch ein Stück Geschichte: Hinter einem Haus erhebt sich ein kleiner hellbrauner Hügel. Von dort startete Evel Knievel am 8.9.1974 mit einer Rakete, um den Snake River zu überspringen. Der Fallschirm öffnete sich zu früh, er landete im Fluss – überlebte aber mit kleineren Blessuren.

Unsere einzigen möglichen Verletzungen wären verbrannte Finger an heißen Geländern gewesen. Wir waren vorsichtig. Tanken bei Costco, zurück ins Hotel. Wieder ein aufregender „Nur‑Fahr“-Tag.

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