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15.05.2026 – Im Yellowstone Nationalpark

Die Nacht war kühl, was wir auch dadurch bemerkten, dass wir die Fenster geöffnet gelassen hatten. Und nicht nur durch die App auf dem Handy. Unser Zimmer ist ziemlich klein, aber gemütlich. Das Frühstück war, in Anbetracht der Tatsache, dass der Frühstücksraum der kleinste war, den wir in diesem Urlaub betreten haben, ausgesprochen gut ausgestattet, und wir starteten wohlgesättigt in den Park. Man weiß ja nie, wann man das nächste Mal etwas Essbares sieht, z.B. einen Büffel.

Den Yellowstone-Nationalpark hatten wir schon einige Male besucht. Aber es gibt Sachen, die kann man wieder und wieder und wieder anschauen. Und dann gibt es noch die kleinen Überraschungen, die jetzt im Frühjahr häufiger auftauchen als später im Jahr. Und ich rede nicht von Schnee. Der kommt hier sowieso, wenn er Lust hat.

Nur eine Meile vom Hotel entfernt liegt der Eingang zum Park, der West Entrance. Drei (oder waren es vier?) Schlangen hatten sich gebildet, die rechteste war ausgeschildert mit „Pass Holder“. Da die beste Urlaubsplanerin schon letztes Jahr im Dezember unseren Nationalparkpass für 80 USD eingekauft hatte (in weiser Voraussicht, denn mittlerweile kostet er für nicht amerikanische Bürger 250 USD), konnten wir dort einfahren und waren relativ schnell durch. Manchmal lohnt es sich eben, mit einer Hellseherin verheiratet zu sein.

Am Madison River standen leider wieder keine Elche, Moose, herum. Aber morgen früh bekommen sie noch eine Chance. Dafür standen in den Gräsern zwei Vögel, die wir bisher noch nicht so gesehen hatten. Ich sagte ja, Überraschungen. Yellowstone ist wie ein Adventskalender, nur mit mehr Fell und Federn. Eine KI, der wir dieses Foto zeigten, war der Meinung, es könne sich um Kanadakraniche handeln.

Als erstes Ziel visierten wir das Lower Geyser Basin an, speziell wegen der Fountain Paint Pot. Rosa blubbert der heiße Schlamm in einem Teich herum, irgendwie animiert das zu Schlammbädern. Nur achtet hier niemand auf die Temperatur. Wellness auf isländisch-amerikanische Art.

Direkt nebenan liegt der Leather Pool, herrlich farbig anzusehen. Man möchte fast hineinspringen, wenn man nicht wüsste, dass man danach aussieht wie ein hartgekochtes Ei.

Wir drehten die komplette Runde, und ich fing an, meine Kleidungsordnung zu überdenken. Noch lief ich in Shorts, Hemd und Hut bekleidet herum, aber der Wind pfiff schon hier ganz gewaltig, und ich machte meine Kopfbedeckung mit dem entsprechenden Kinnband fest. Eine gute Entscheidung, denn im Laufe des Tages sahen wir mehrere Baseballkappen auf der Erde liegen. Und zwar dort, wo man unter Androhung schwerster Strafen nicht hintreten darf: im Thermalgebiet.

Wieder zurück stellten wir uns brav in die Toilettenschlange, denn der große Parkplatz war auch schon am frühen Morgen gut gefüllt. Schließlich ist heute Freitag, und der Park wird geflutet werden. Nicht vom Geysir, sondern von Touristen.

Weiter geht es zur Grand Prismatic Spring, einer der schönsten heißen Quellen hier im Park. Am besten kann man diese von oben sehen, und es gibt auch einen Hügel, auf den man raufklettern kann zwecks Fotografie. Aber wir beschlossen (ganz schlechte Idee), das auf den Rückweg zu verlegen. Es gibt NOCH wichtigere Ziele. Manchmal ist man eben Optimist. Ein fataler Fehler.

Wir machten also nur den Rundweg vorbei an der Quelle (übrigens eine Einbahnstraße), und da ging das Schauspiel los. Der Wind – ich erwähnte es bereits – pfiff mächtig über die Ebene, und der hochsteigende Wasserdampf war nicht nur im neutralen Weiß gefärbt, auch blaue und rote Wolken mischten sich in den Nebel. Ein fantastisches Schauspiel. Fast wie ein Konzert von Pink Floyd, nur ohne Musik und mit mehr Schwefel.

Zurück am Auto wollten wir zügig zum Old Faithful weiterdüsen, aber schon nach wenigen Metern standen am Ufer des Firehole River ein paar Büffel. Eigentlich wollte ich ja keine mehr fotografieren, hatte mein Pensum schon abgearbeitet.

Aber die standen so schön in der Sonne, der eine leckte sich gerade die Lippen nach dem leckeren Gras, und der andere beäugte uns einfach nur neugierig. Und keine Angst, ich war nicht nah dran. Die Aufnahmen sind mit einer Brennweite von 750 mm entstanden.

Dann endlich landeten wir auf dem Parkplatz von Old Faithful. Letzteres bedeutet „treu“. Den Namen hat er daher, dass er mit schöner Regelmäßigkeit alle ca. 90 Minuten sein Wasser in die Luft spuckt. Und da die Parkverwaltung das weiß, hat sie rund um die Springquelle eine lange Bankreihe aufgebaut, auf denen sich die Besucher vor dem nächsten Ausbruch niederlassen und dem Spektakel beiwohnen. Ich war kurz im Visitor Center gewesen und hatte mich darüber informiert, dass der nächste Ausbruch für 12:19 Uhr angesetzt war. Da kann man sich in Ruhe ein Plätzchen suchen und die Kamera auf die richtigen Settings einstellen.

Ziemlich pünktlich ging die Springquelle in die Luft. Das Wort „Geysir“ hat übrigens seinen Ursprung in Island. Dort gibt es eine Springquelle mit genau diesem Namen, welche aber leider in Rente gegangen ist. Den Job hat eine andere Quelle namens Strokkur übernommen und begeistert die isländischen Touristen mit ihrer Regelmäßigkeit (hier sogar 8–10 Minuten). Ein echter Workaholic.

Nach der Eruption verteilt sich das Volk wieder und geht seiner Wege. In unserem Fall hieß das, dass wir den Morning Glory Pool besuchen wollten. Dieser liegt etwas abseits vom Old Faithful, ist aber auf einer Art Tartanbahn, die von der Firma Michelin gespendet wurde, bequem selbst für Rollstuhlfahrer/innen erreichbar.

Diese heiße Quelle zeichnet sich auch durch besonders schöne Farben aus. Hier ist auf einem Schild zu lesen, dass man bitte keine Objekte in den Pool werfen möge (von Subjekten ist nicht die Rede). Denn wenn die unterirdischen Zuflüsse verstopft werden, kann sich die Wassertemperatur im Pool ändern, was wiederum Einfluss auf das Algenwachstum und damit die Farbgebung dieser Quelle hat. Und die Parkverwaltung ist nicht sonderlich begeistert, wenn sie ab und zu wieder Dinge aus dem Pool fischen darf. Verständlich. Ich wäre es auch nicht.

Auf dem Rückweg kommen wir erneut am Grotto Geyser vorbei, der sich gerade entschlossen hat, vor uns auszubrechen und zu posieren. Hoch in den Himmel werden die Dampfwolken geschleudert und durch den Wind wild verweht. Ein tolles Schauspiel. Yellowstone macht nie halbe Sachen.

Für den Rest der Strecke wählen wir einen Weg, der durch das Solfatarenfeld führt, und sehen – allerliebst – die Heart Spring. Ein Herz für Touristen.

Fast direkt daneben liegt die Anemone Spring. Ich hätte es eher für verpilzt gehalten, aber die Parkverwaltung muss es besser wissen. Die haben schließlich das letzte Wort.

Da wir, wieder am Auto angekommen, mittlerweile jeder über 14.000 Schritte auf dem Schrittzähler haben, beschließen wir, den Rest des Nachmittags ruhig anzugehen. Schließlich brauchen wir ca. eine Stunde zum Hotel, und ein paar Lebensmittel müssen wir auch noch einkaufen. Und wer weiß, ob das mit den Überraschungen schon alles war. Spoiler: war es nicht.

Dort, wo ich auf dem Hinweg die ersten Büffel fotografiert hatte, lagen diese noch immer dort (vielleicht haben sie sich ja Blasen gelaufen und müssen pausieren?). Jedenfalls kreisten über ihnen Raubvögel, ziemlich nah, sodass ich einen Versuch wagen wollte mit meinem Tele. Die Vögel lieferten sich gerade einen heftigen Kampf mit einem Raben. Ein Mann, der neben mir auch das Schauspiel beobachtete, meinte, es könnte ein Red-tailed Hawk sein. Ich hatte auf einen Fischadler, einen Osprey, getippt. Werde mal eine Vogelkundlerin fragen, was sie dazu meint. Vielleicht einigen wir uns erstmal auf „großer Vogel“.

Einen Schlenker legten wir danach ein. Erneut zum Parkplatz der Grand Prismatic Spring. Hier faszinierte mich besonders das Wasser, welches wild in den Firehole River herunterschoss, begleitet von über und über wallenden Dampfwolken.

Jetzt sollten wir aber endlich nach Hause kommen. Nur noch ein klitzekleiner Abstecher über den Firehole Canyon. Den waren wir zwar heute Morgen schon reingefahren (ist eine kleine, zwei Meilen lange Schleife direkt am Fluss entlang), aber der Wasserfall lag im Schatten. Jetzt lag er dekorativ in der Sonne.

Ziemlich am Ende gab es in unserem letzten Urlaub einen Baum, auf dessen Spitze ein Nest eines Fischadlerpärchens lag. Heute Morgen sah es nicht so aus, als wäre es bewohnt.

Aber wir wollten noch einmal nachschauen, vielleicht waren die Bewohner auf der Arbeit oder einkaufen. Auch Vögel haben Verpflichtungen.

Nur, bevor wir es schafften, nach links in den Firehole Drive einzubiegen: rote Bremsleuchten, Stau. Mal wieder eine Büffelherde, die gemächlich die Straße überquerte. Die kleinen Red Dogs erhielten ihren ersten Verkehrsunterricht. Erst links, dann rechts und wieder links gucken, dann über die Straße. Es sah nicht so aus, als ob die Viecher das interessierte. Verkehrsregeln sind offenbar optional.

Wir jedenfalls nutzten die Gelegenheit für ein paar Kälberfotos. Die Batterie der Kamera der Dicken Berta neigte sich bedrohlich dem Leerzustand zu, hoffentlich hält sie bis zum Abend. Sonst müssen wir die Motive bitten, kurz zu warten, bis ich sie gemalt habe.

Die Firehole Falls lagen im schönsten Sonnenlicht, dafür hat es sich auf jeden Fall gelohnt.

Und das Nest sah auch etwas verändert aus. Etwas Kleines, Weißes schaute oben hinaus. Also links ranfahren (ist eine Einbahnstraße, und in den Fluss stürzen wollte ich auch nicht), Kamera gezückt und das entzückende Tierchen fotografiert.

Aber was ist das? Auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses stand bzw. saß auf der Spitze eines Baumes (sah aus wie ein aufgespießter Weihnachtsengel) ein Elternteil Fischadler. Mister oder Madame Osprey. Also verlängerte ich mein Tele noch einmal um den Faktor 2, um mit 1.500 mm sogar eine einigermaßen scharfe Aufnahme hinzubekommen. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Nachdem das auch erledigt und abgehakt war, stießen wir wieder auf die Hauptstraße und begegneten nur noch ein paar Nachzüglern aus der Herde.

Dann endlich zum Supermarkt. Eben eine Niere verkauft und dafür ein Glas Pesto, Schinken, Tomaten und Teigröllchen erstanden. Heute Abend gab es Nudeln mit Tomaten, Pesto und Schinken. Wer hätte das gedacht. Haute Cuisine à la Yellowstone.

Aber wieder ein absolut aufregender Tag. Mit über 15.000 Schritten waren wir auch sehr fleißig. Und morgen geht’s weiter – die Moose schulden uns schließlich noch einen Auftritt.

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