Heute geht es von Jackson in Wyoming nach West Yellowstone in Montana, wo wir drei Nächte verbringen. Wir sind früh aufgebrochen, a) weil wir hoffentlich aus einem langweiligen Fahrtag von etwas über 100 Meilen ein Abenteuer machen können und b) weil wir hoffen, die Morgensonne auszunutzen. Optimismus gehört schließlich zum Reisegepäck.
Und so entern wir als Erstes nach dem Verlassen von Jackson wieder die Mormon Row. Und tatsächlich gelingt es mir im dritten oder vierten Anlauf, die T. A. Moulton Barn erstmals im strahlenden Sonnenschein mit den von der Morgensonne angestrahlten Tetons zu fotografieren. Sturmgepeitschte Wolken haben ihren Reiz, aber einmal wollte ich es klassisch haben. Abgehakt – jetzt brauchen wir hier nie wieder hinzufahren. Sagen wir jedenfalls. Mal sehen, wie lange wir das durchhalten.

Als kleine Zugabe wurden wir vor der Scheune von einer Kolonie kleiner Erdmännchen, Prairie Dogs, begrüßt. Die Tierchen wissen offensichtlich, dass ihnen von fotografierenden Menschen keine Gefahr droht, und posieren entsprechend professionell. Manche Influencer könnten sich da etwas abschauen.

An der Moran Junction biegen wir nach links ab und machen unseren ersten weiteren Stopp am Jackson Lake. Dieser ist riesig, und nach Südwesten hin wird er von den majestätischen Tetons begrenzt.

Da wir die ganzen anderen schönen Viewpoints gestern ausreichend abgegrast haben, können wir zügig nach Norden durchstoßen. Auf dem John D. Rockefeller, Jr. Memorial Parkway versuchen wir, nach Westen auf die Ashton Flagg Ranch Road abzubiegen, um einen alten Zeltplatz wiederzusehen. Aber leider ist dort wegen des Winters noch alles geschlossen. Der Winter hat hier offensichtlich ein Langzeitabo.
Die Sehnsucht treibt uns weiter in den Yellowstone National Park. Nachdem wir das Eintrittsbüdchen hinter uns gelassen haben, fallen uns die deutlich größeren Schneemengen auf, die an den Straßenrändern aufgetürmt liegen. Die Lewis Falls zeigen ein wenig davon – als wollten sie sagen: „Willkommen im Frühling. Unser Frühling.“

Noch mehr irritiert uns ein Schild, das das Parken am See für 15 Minuten erlaubt. Was meinen die? Dass wir noch mit Schneemobilen unterwegs sind? Oder sollen wir unsere Ski dort in den meterhohen Schnee stecken? Möglichkeiten gäbe es genug.

Den ersten Kontakt mit dem Vulkan machen wir am West Thumb des Yellowstone Lake. Ein kleiner Rundweg auf Holzbohlen führt uns an beeindruckenden Schwefel- und anderen heißen Quellen vorbei. Es riecht wie in einer schlecht gelüfteten Therme, sieht aber deutlich spektakulärer aus.

Das Wasser des Sees schimmert in einem so intensiven Grün-Blau, dass ich fast den Eindruck bekomme, jemand habe einen Eimer Farbe hineingekippt. Oder zwei. Oder zehn.

Dafür spricht auch die grünblaue Wolke, die von einem der Geysire hochsteigt. Ich glaube, es ist der Hillside Geysir. Oder der Black Pool.

Von oben sieht er jedenfalls farbenprächtig aus. Und die Geschichte erzählt, dass sich damals die Ureinwohner an der Farbe des Wassers orientierten, um die Temperatur zu schätzen – je blauer, desto wärmer – und dann darin ihr Fleisch kochten. Ich würde mich das nicht trauen. Ich verbrenne mich ja schon am Toaster.

Am Parkplatz begegnen wir der ersten freundlichen Hirschkuh. Es soll nicht die letzte bleiben. Offenbar ist heute Besuchstag.

Die Tour führt uns über die Grand Loop Road vorbei an der Dragon’s Mouth Spring. Mit donnerndem Getöse entweichen Wasser und Gase, aber die Absperrungen sind weit genug weg, damit wir nichts davon abbekommen. Gut so.

Nach dieser Hot Spring biegen wir um eine Kurve und sehen vor uns das Hayden Valley, bekannt für seinen Reichtum an wilden Tieren. Wir sind skeptisch – unsere bisherigen Sichtungen waren ja eher… übersichtlich.

Dann ist auf dem Navi die Fahrtroute rot markiert. Normalerweise bedeutet das Stau. Hier bedeutet es: Tiere! Und zwar solche, die man nicht jeden Tag sieht. Vorsichtig suchen wir uns einen Platz am Straßenrand und gesellen uns zu den anderen Fotoenthusiasten, die mit Teleobjektiven bewaffnet sind, die man auch als Satellitenschüsseln durchgehen lassen könnte.
Was gibt es zu sehen? Diverse dunkle Punkte auf der Wiese. Für das ungeübte Auge: nichts. Für die Experten: ein Grizzly, 500–1000 Meter entfernt. Ich baue die längste Linsenkombination zusammen, die ich habe, und versuche mein Glück. Wirklich erfolgreich ist anders, aber immerhin habe ich jetzt einen Grizzly fotografiert. Und lebe noch.

Nur ein paar Meter weiter stehen zwei riesige Büffel. Dank Teleobjektiv kann ich sie nah heranholen, ohne auf die Hörner genommen zu werden. Ein Vorteil, den ich sehr zu schätzen weiß.

Der Mann auf dem folgenden Foto weiß das offenbar nicht und schleicht sich gefährlich nah ran. Aber es ist gut gegangen. Er musste nicht Torero spielen.

Noch ein oder zwei schöne Porträts, und wir fahren weiter.


Kurze Zeit später der nächste Stau. Hört das nie auf? Ist ja schlimmer als im Ruhrgebiet. Diesmal ist das Ziel näher dran: ein Schwarzbär, der sich durch die Wiese frisst.

Und sich weder durch Kameras noch durch Stalker (zu denen wir natürlich auch gehören) stören lässt. Karin hat zum Glück legal auf einem Turnout geparkt. Meister Petz trollt sich irgendwann in den Wald, und wir können weiter.

Vor uns liegen die Yellowstone Falls. Zuerst die Upper Falls, imposant, aber nicht so spektakulär wie die Lower Falls.

Zu denen gelangt man über den Artist Point. Eine Wunderwelt an Farben und ein großartiger Canyon tun sich vor uns auf. Gelbes und rotes Gestein, überdeckt vom Grün der Bäume, rahmt den Yellowstone River ein (s. auch Titelbild). Die Fälle selbst liefern ein Naturschauspiel, das schwer zu toppen ist.

Mittlerweile sind wir über Canyon Village auf der Grand Loop Road nach Süden unterwegs. Schon ziemlich abgesättigt mit Eindrücken, lassen wir die meisten heißen Quellen links liegen.
Aber an der Beryl Spring halten wir doch an. Pflichtbewusstsein und so.

Selbst die Gibbon Falls passieren wir ohne Stopp, werden aber von einer Herde Wapitihirsche aufgehalten. Sie stellen sich kurz in Pose, wir machen das obligatorische Foto, und weiter geht’s.

Ein letztes Mal werden wir von einer Büffelherde aufgehalten.

Büffel haben wir heute schon fotografiert. Aber noch nie mit sogenannten Red Dogs, dem Nachwuchs dieser mächtigen Tiere. Leider haben sie nicht dieselbe fotografische Ausbildung wie die Hirsche. Sie zeigen uns die Hinterteile und verschwinden.

An der Madison Junction biegen wir nach Westen ab und folgen dem Madison River. Hier hoffen wir auf einen Moose. Aber der Wunsch bleibt unerfüllt. Noch.
Unser Hotel kennen wir von einem früheren Urlaub. Es hatte sich durch extrem freundliches Personal ausgezeichnet, und auch heute ist die Ankunft herzlich. Vielleicht treffen wir morgen die Gastgeber von damals wieder. Beim Zimmer haben wir diesmal extremes Glück: Wir parken direkt vor der Tür. Komfort kann so einfach sein.
Na ja, langweilig war dieser Fahrtag jedenfalls nicht.



