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16.05.2026 – Yellowstone National Park – Lamar Valley

– und zurück.

Heute Morgen zeigte sich der Himmel erstmal bedeckt und die Wärme vermissten wir auch. Also zum ersten Mal die Heizung angemacht. Und ich begann, mich mit dem Gedanken abzufinden, dass Shorts heute unpassend wären. Ein schwerer Schlag für meine modische Freiheit.

Aber gefrühstückt wird trotzdem noch mit nackten Beinen. Prinzipien müssen sein. Das Frühstück war wieder gut, und eine nette Eigenschaft des Best Western Weston Inn ist es, das Frühstücksangebot für die Woche vorher anzupreisen. Zeige ich morgen mal. Eine andere nette Eigenschaft ist die Tatsache, dass es an der Rezeption bisher immer Kekse, Kaffee und heiße Schokolade gab. Das muss mal erwähnt werden.

Wir haben auf dem Plan stehen, ins Lamar Valley zu fahren. Das Lamar Valley liegt an der nordöstlichen Ecke des Nationalparks und hat als Ausgang die Stadt Cooke City, und die Straße führt dann weiter zum Beartooth Pass, welcher allerdings im Augenblick noch gesperrt ist.

Das Lamar Valley ist wie auch das Hayden Valley für seinen Tierreichtum bekannt. Allerdings hatten wir davon bei bisherigen Besuchen nie viel mitbekommen. Neuer Versuch, neues Glück. Ca. 80 Meilen Strecke liegen vor uns, das Navi veranschlagt wenigstens zwei Stunden dafür.

Wir starten wie üblich über den West Entrance, nehmen die rechteste der VIER Spuren und biegen an der Madison Junction nach Norden ab. Damit die Fahrt nicht zu anstrengend wird, machen wir den ersten Stopp an den Gibbon Falls. In herrlichen Kaskaden stürzt sich der Gibbon River mit viel Gischt nach unten. Yellowstone macht selbst beim Wasserfall „episch“.

Den zweiten Stopp legen wir kurz vor Mammoth bei den Rustic Falls ein. Muss man auch gesehen haben. Sonst fehlt einem später ein Puzzleteil im Yellowstone‑Gesamtbild.

Schließlich erreichen wir die weiße Sinterterrassenwelt von Mammoth Hot Springs. Von oben hat man einen schönen Überblick über die heißen Quellen, die Stadt Mammoth und das Tal. Ein bisschen wie ein Balkon mit Aussicht, nur mit mehr Schwefel.

Bei den Terrassen gibt es eine „Upper Loop“ mit einem kurzen Trail und eine Loop, die von unten an die Terrassen hinführt. Wir fahren über die obere Schleife und laufen auch über die Bohlenwege, um zu den schönen Quellen zu kommen.

Nachdem wir die Loop beendet haben, stoppen wir kurz vor dem Hotel des Ortes (welches übrigens ganzjährig geöffnet hat).

Dann geht es weiter auf der Grand Loop nach Osten, hier halten uns die Undine Falls auf. Aber da ist schnell ein Foto gemacht und wir können unseren Weg fortsetzen. Die Kamera ist inzwischen warmgelaufen.

Ein paar hundert Meter dahinter liegen die Wraith Falls, die allerdings nur über einen Wanderweg zu erreichen sind. Eigentlich hatten wir uns aufgrund der Bärengefahr vorgenommen, solche Trails nicht zu laufen, aber die beste Wanderin von allen schoss diese Vorsichtsmaßnahme in den Wind, da ja noch andere Wanderer auf dem Weg waren. Gruppenimmunität, sozusagen.

Der Wasserfall ist schön, und wir sind zurückgekommen, ohne zerfleischt zu werden. Oder einen Bären auch nur gesehen zu haben. Wahrscheinlich hatten die Bären heute Homeoffice. Oder waren irgendwo anders tätig.

Auf einer Anhöhe bekommen wir einen Vorgeschmack darauf, was uns optisch im Valley erwartet. Dramatische Landschaft, dramatischer Himmel.

An einer Parkbucht biegen wir ab, weil dort einige Leute mit Ferngläsern und langen Objektiven stehen. Ich frage einen Typen mit einer besonders langen Linse, was es hier zu sehen gibt, und er zeigt auf ein Nest in der Spitze eines Baumes am gegenüberliegenden Flussufer. Dort sitzt ein Osprey drin und brütet. Und er (also der Fotograf, aber auch der Vogel) wartet darauf, dass der Partner mit einem Fisch zurückkommt. Familienarbeitsteilung in der Wildnis.

Da wir sowieso gerade Pause machen wollen, baue ich auch die Ausrüstung mit Stativ auf und setze mich gemütlich hin, um das Ankommen des zweiten Vogels abzuwarten. Ich bin ja geduldig. Meistens.

Aber offensichtlich hat die Fischtheke geschlossen. Denn wir warten eine ganze Zeit, meine Göttergattin legt im Auto ein Nickerchen ein, aber der Besuch lässt auf sich warten. Irgendwann bin ich durchgefroren genug (der Wind pfeift die ganze Zeit heftig durch den Canon), und wir düsen weiter. Der Osprey kann mich mal.

An einer Biegung des Lamar River sehe ich plötzlich kleine, aber nicht ganz kleine Tiere rechts oben auf den Felsen hocken. Wir parken am Straßenrand und klettern die Felsen hoch. Mehrere Murmeltiere sehen unserem Ankommen neugierig, aber ohne Furcht entgegen.

Also halte ich mit dem Tele drauf, bis der Chip glüht, und dann endlich machen wir uns auf den weiteren Weg ins Lamar Valley. Die Murmeltiere haben jetzt genug Material für ihr Familienalbum. Muss nur noch ihre E-Mail rausbekommen und sie ihnen zuschicken.

Aber so ganz einfach geht es nicht weiter, denn plötzlich kreuzt von links ein Coyote unseren Weg. Ich kann gerade noch verlangsamen und die Kamera aus dem Fenster halten, da hat er schon die Straße überquert und ist verschwunden. Schon die zweite unerwartete Begegnung.

An einem Aussichtspunkt über das Tal trampelt plötzlich eine Bisonherde über die Straße. Viele Kleine sind dabei und missachten wie üblich die Verkehrsregeln. Die Red Dogs haben eindeutig noch keinen Führerschein.

Auf einer Wiese machen sie es sich gemütlich, und ich kann in Ruhe das eine oder andere Red Dog fotografieren. Die Kleinen posieren besser als mancher Influencer.

Wir haben das Ende des Tals erreicht und drehen um. Eigentlich haben wir genug Tiere gesehen. Zwar nicht alle möglichen, aber schon eine Menge. Yellowstone hat geliefert.

Rechts am Wegesrand lagern zwei Antilopen. Auch nicht schlecht. Die Tierliste füllt sich.

Der Himmel orchestriert sich jetzt ziemlich dramatisch, aber noch sind wir trocken.

Wir biegen in Mammoth wieder nach Süden ab. Am Roaring Mountain plötzlich ein riesiger Menschenauflauf. Das machen die nicht für Büffel, Antilopen oder Elk. Da muss was Besonderes sein.

Und richtig: Nachdem wir uns zu den lauernden Fotografen gesellt haben, bekommen wir heraus, dass der schwarze Punkt weit hinten in der Ferne ein Grizzly ist. Geht doch. Ein Punkt mit Fell.

Jetzt aber endgültig nach Hause. Mein einer Kameraakku ist schon wieder bedenklich leer.

Nachdem wir an der Madison Junction nach Westen abgebogen sind, sehen wir wieder viele Teleobjektive und Spektive, die in eine Richtung zeigen. Ein Bär wird es wohl nicht sein, die Linsen zeigen nach oben in schroffe Felswände. Eine kurze Nachfrage ergibt, dass dort Bergziegen, Mountain Goats, über die fast senkrecht abfallenden Felsen spazieren. Es ist schwer, sie überhaupt zu entdecken, aber schließlich sehe ich einen weißen Punkt, der sich langsam bewegt.

Draufhalten, fotografieren und filmen.

Und dann geht es wirklich ohne Unterbrechung nach West Yellowstone. Da wir mit dem Inhalt unseres Tanks nicht zu unserem morgigen Tagesziel kommen würden, beißen wir in den sauren Apfel und tanken für 4,799 USD/Ga bei Phillips fast voll. Eigenartigerweise ist diese Tankstelle billiger als andere im Ort, die 4,899 USD für die Gallone haben wollen. Ein Wunder der Marktwirtschaft.

Nach 11 Stunden sind wir nach einem wirklich ereignisreichen Tag wieder im Hotel. Wir haben viele Tiere gesehen und viele davon nicht erwartet. Yellowstone hat heute alles gegeben – und wir auch.

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