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17.05.2026 – Von West Yellowstone nach Butte

Ein morgendlicher Blick auf die Temperatur auf dem Handy zeigt –3 °C. Ein Blick aus dem Fenster: ein total verschneiter Pickup.

Und alle anderen Wagen auch. Offenbar hat Frau Holle Nachtschicht geschoben. Da werde ich wohl oder übel in langer Hose und festen Schuhen zum Frühstück laufen. Ein letztes Mal das leckere Frühstück genießen. Schauen wir mal, was heute die Speisekarte vorsieht – hoffentlich nichts, was man erst mit Eispickel freilegen muss.

Ich leihe mir von einem benachbarten Autobesitzer einen Besen mit langem Stiel aus, um den Wagen so gut wie möglich von Schnee zu befreien. Was bei der Höhe dieses Fahrzeugs gar nicht so einfach ist. Man sollte beim Pickup-Kauf vielleicht doch vorher testen, ob man ohne Kletterausrüstung an die Windschutzscheibe und das Dach kommt. Dann packen wir unsere Siebensachen (oder sind es deren acht oder neun?) zusammen, beladen den Truck und fahren noch einmal zur Tankstelle. Die Ölwechselanzeige hatte aufgeleuchtet, 0 % Oil Life. Das klingt, als würde der Motor gleich sein Testament aufsetzen.

Im Normalfall bedeutet das einen Rattenschwanz an Tätigkeiten, angefangen mit einem Anruf beim Autovermieter, bei Hertz. Diesem müssen wir klarmachen, dass wir den Wagen NICHT tauschen wollen. Dann wird die freundliche Person am anderen Ende der Telefonschnur umständlich heraussuchen, in welchem Ort und bei welcher Werkstatt wir den Ölwechsel durchführen lassen können. Anschließend fahren wir dorthin, der Mitarbeiter des Betriebs telefoniert genauso umständlich mit Hertz wegen der Kostenübernahme und macht sich dann nach gefühlt einer Ewigkeit an die Arbeit. Ein Trinkgeld und meist einige Stunden später können wir dann weiterfahren. Aber unsere Zeit ist zu kostbar. Von unserem letzten Urlaub wissen wir, dass bei den gleichen Symptomen nur der Ölstand niedrig war. DAS können wir auch selbst beheben. Also fahren wir zur nächsten Tankstelle, kaufen für ca. 13 USD zwei Liter Öl und geben sie dem Dicken zu trinken. Danach resetten wir die Ölanzeige und fahren mit gutem Gewissen, aber ohne viel Zeit verloren zu haben, los. Der Motor brummt zufrieden wie eine Katze, die gerade Sahne bekommen hat.

Die direkte Strecke von West Yellowstone nach Butte ginge nach Westen aus der Stadt heraus und dann nördlich über Ennis nach Butte. Zeitdauer ca. 2,5 Stunden. Aber was wollen wir um 11.30 Uhr schon in Butte. Sooo attraktiv ist die Stadt auch nicht.

Also entschließen wir uns, durch den Park zu fahren und ein paar Ecken mitzunehmen, die wir in diesem Urlaub noch nicht gesehen haben.

Und fangen mit dem Norris Geysir Becken an. Dort gibt es einen Rundweg zum Porcelain Basin.

Von oben schaut man in das Tal hinein, durch den frischen Schnee sind viele Bäume mit einer hübschen Haube versehen. Die Temperatur liegt knapp unter 0 °C, aber wir sind ja darauf vorbereitet und können uns passend zum Wetter anziehen. Ich zum Beispiel mit fellverkleideten Winter-Flip-Flops.

Wild wehen die Wasser- und Schwefeldämpfe durch die Luft und hüllen meine Göttergattin mit einer weißen Wolke ein. Aber sie hat Spaß dabei. Vielleicht fühlt sie sich wie in einem kostenlosen Spa – nur mit etwas mehr Schwefel.

Eine Aufnahme mache ich noch von der Emerald Spring, dann geht es weiter. Wir spazieren noch zum Steamboat Geysir, aber aus Zeitgründen wird das Foto vielleicht später gezeigt.

Etwas nördlich vom Roaring Mountain mal wieder ein Stau. Einige zig Autos stehen auf der Straße, am Straßenrand und teilweise im Graben. Das muss ein Bär sein. Oder ein besonders fotogener Elch.

Und richtig. Der Grizzly, der uns gestern schon in großer Ferne beehrte, schlendert heute schon unterhalb der Sicherheitsdistanz gemütlich am Waldrand vorbei. Man konnte ganz genau erkennen, dass es der Meister Petz von gestern war, er hatte einen kleinen hellen Punkt hinter der rechten Nasenspitze.

Aber wir müssen leider wieder weiter. In Mammoth füllen wir unsere Wasserflaschen auf und leeren die Blasen. Wir machen ein Foto von den Sinterterrassen, denn für eine Wanderung wird die Zeit wahrscheinlich nicht reichen. Außerdem wäre es bei dem Wetter vermutlich eher eine Rutschpartie.

Als wir dann Gardiner verlassen, müssen wir ein- und erstmalig auch die Roosevelt Arch fotografieren. Die Arch ist das historische Nordtor des Yellowstone-Nationalparks. Der 1903 errichtete Bogen markiert den früheren Haupteingang und wurde vom damaligen US-Präsidenten Theodore Roosevelt persönlich eingeweiht. Der Mann hatte offenbar ein Faible für große Steine.

In Gardiner, welches in den letzten 30 Jahren ordentlich Zuwachs erhalten hat, fällt uns besonders dieses alte Hotel auf. Es sieht aus, als hätte es schon Geschichten erlebt, die man besser nur bei Kerzenschein erzählt.

Wir fahren auf der 89 Richtung Norden. Östlich von uns begleitet uns die ganze Zeit diese majestätische Bergkette, mal von der Sonne schön angeleuchtet, mal von dunklen Wolken verhüllt. Ein Naturtheater mit ständig wechselnder Beleuchtung.

Kurze Zeit später erwischt uns eine dieser Wolken und die Straße ist weiß vom Hagel. Wenigstens kriegen wir die Scheibe dadurch sauber. Autowäsche gratis – Montana-Style.

In Livingston stoßen wir auf den Interstate 90 und fahren dort bis Bozeman. In Montana ist ja alles größer und schöner (nicht nur in Texas). Und so dürfen wir auf dem Interstate mit zügigen 80 mph dahinfließen, auf den Landstraßen sind meistens 70 mph erlaubt. In Bozeman machen wir einen Einkehrschwung zu Costco, und wie immer bleiben einige Kleidungsstücke für meine Frau am Einkaufswagen hängen. Ich glaube, die Dinger springen sie aktiv an. An der Ess-Station mache ich den Versuch einer Calzone, eine sehr gut gefüllte Klapp-Pizza, die vorzüglich mundet, aber auch enorm sättigt. Heute Abend brauche ich keine extra Mahlzeit mehr. Vielleicht auch morgen nicht.

Wenn wir es jetzt eilig gehabt hätten, nach Butte zu kommen, wären wir auf dem Interstate geblieben und vermutlich eine Stunde später am Hotel gewesen. Aber das Hotel steht zu späterer Uhrzeit auch noch da. Wir hatten nachgefragt. Es klang nicht so, als würde es spontan weglaufen.

Und so fahren wir einen „kleinen“ Umweg. Etwas südwestlich von Bozeman gibt es einige nette Dörfer, die es lohnt, sich anzuschauen.

Auf dem Weg nach Ennis treffen wir auf diese Wolkenformation. Sie sieht aus, als hätte jemand mit Photoshop übertrieben – nur dass es echt ist.

Im Laufe der Fahrt haben wir immer wieder angehalten und diese großartige Landschaft in uns aufgesogen. Das „Big Sky Country“ trägt seinen Namen zu Recht. Und man kann auch verstehen, warum sich die Vorfahren von John Dutton auf der Yellowstone Dutton Ranch hier niedergelassen haben. Obwohl ich nicht mit ihnen tauschen möchte. Denn die Winter hier sind hart und nichts für Weicheier. Oder Flip-Flop-Träger.

Ennis schließlich ist ein süßes Dorf. Nichts erinnert an die wilden Kämpfe, die im Film „Der Patriot“ mit Steven Seagal hier stattgefunden haben.

Auf dem Weg nach Virginia City (nicht zu verwechseln mit dem in Nevada) genießen wir die Aussicht und dokumentieren sie mit einem Panoramafoto.

Virginia City ist Montanas besterhaltener Goldrausch-Ort, gegründet 1863, zehn Jahre lang Hauptstadt des Montana-Territoriums und heute ein National Historic Landmark.

Es ist einer der wenigen Orte, an denen man den Wilden Westen nicht nachgebaut hat, sondern ihn original erleben kann. Viele Geschäfte sind so stehen geblieben wie zu Zeiten der großen Geschäftstätigkeit. Man könnte meinen, gleich kommt ein Cowboy heraus und beschwert sich über die Preise.

Man kann durch die Scheiben schauen und sehen, wie die Menschen ihrer Arbeit nachgehen. Könnte man, wenn am Sonntag um 17 Uhr nicht schon alles geschlossen gewesen wäre.

Süß ist das Community Center, welches zum einen die öffentlichen Restrooms beherbergt, aber gegenüber kann man in die Turnhalle blicken, so wie man sich Dorfturnhallen vorstellt. Man hört förmlich das Quietschen alter Turnschuhe.

Nur 1,5 Meilen westlich liegt Nevada City. Sie ist eine rekonstruierte und teils original erhaltene Goldgräberstadt, die heute als Outdoor-Museum betrieben wird. Sie besteht aus über 100 historischen Gebäuden, viele davon aus ganz Montana hierhergebracht, um sie zu erhalten.

Auch hier ist alles geschlossen, wie auch in Virginia City. Die Straße(n) sind leergefegt, als würde in den nächsten Minuten ein Shooting stattfinden. Oder ein Western-Dreh. Oder beides.

Auf dem weiteren Weg sehen wir plötzlich ein gelbes Hinweisschild, auf dem eine Kutsche abgebildet ist, die von einem Pferd gezogen wird. Unsere Vermutung war zuerst, dass es sich um eine Amish- oder Quäker-Gemeinde handelt. Aber das ist nur der Hinweis darauf, dass man solchen Gespannen hier begegnen kann. Und das taten wir auch. Montana eben.

Als ich in den Rückspiegel blickte, waren dort ganz normale Rückleuchten in Rot angebracht. Also hat die Kutsche wahrscheinlich historische Bedeutung.  Aber gewundert hat es uns schon.

Kurz vor Twin Bridges geben der Himmel und die Wolken alles, was sie an Schönheit zu bieten haben. Bis wir dann in die Berge fahren, wo wir wieder in dichtes Schneegestöber geraten. Kaum sind wir an der Talsohle angelangt, hört der Niederschlag wie abgeschnitten auf und wir rollen gemütlich zu unserem Hotel. Montana-Wetter: von „Postkartenmotiv“ zu „Schneekugel“ in 30 Sekunden.

 

Ein Fahrtag, aber ein aufregender.

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