Wir haben mal wieder gut geschlafen. Das Bett war so weich wie zuhause – eine gute Voraussetzung für eine angenehme Nacht und ein noch besseres Nicht‑Aufstehen‑Wollen.
Dank meines abgetrennten Arbeitsraumes kann ich mich am Morgen ungestört an meinen Schreibtisch setzen und die Nachbereitung des gestrigen Tages durchführen.
Das Frühstück ist gut bis sehr gut, kann sich aber mit dem von gestern in Butte nicht messen. Aber alles ist lecker, und wir starten gesättigt in den Tag. Man soll ja bekanntlich nie hungrig wandern, Autofahren oder Entscheidungen treffen.
Für heute haben wir uns vorgenommen, den östlichen Teil des Glacier NP zu erkunden. Wären wir etwas später im Jahr gekommen, wären wir die gleiche Strecke wie gestern zum McDonald Lake gefahren und wären ca. 40 Meilen später nach Benutzung der „Going‑to‑the‑Sun Road“ im Ostteil am St Mary Lake angekommen.
Der Name „Going‑to‑the‑Sun Road“ stammt vom gleichnamigen Berg, dem Going‑to‑the‑Sun Mountain. Die Straße wurde 1933 nach diesem markanten Gipfel benannt. Dahinter steckt eine Blackfeet‑Legende, die in offiziellen Dokumenten der 1930er‑Jahre erwähnt wird: Ein Geist namens Sour Spirit soll vom Himmel herabgestiegen sein, um die Blackfeet das Jagen zu lehren. Auf dem Rückweg zur Sonne habe er sein Abbild auf dem Berg hinterlassen – als Inspiration für das Volk. Es existiert außerdem eine zweite Version, nach der ein weißer Entdecker im späten 19. Jahrhundert den Namen erfand und die Legende hinzufügte. Beide Varianten kursieren bis heute. Der gemeinsame Kern lautet: Der Berg galt als heiliger Ort, der „zur Sonne führt“.
Da diese direkt durch die Berge führende Straße wahrscheinlich durch Schnee unpassierbar ist, beißen wir in den nicht ganz so sauren Apfel und fahren „untenrum“. Dazu müssen wir erst nach Norden fahren bis zum Ort West Glacier, um dann auf der 2 zuerst nach Süden und dann wieder nach Norden bis East Glacier zu kommen. Ein klassischer Fall von „Der Weg ist das Ziel“, nur dass das Ziel trotzdem ziemlich weit weg ist.
Die 2, auch unter dem Namen Montana Scenic Loop bekannt, ist landschaftlich ebenfalls sehr schön; sie führt – genau wie die Eisenbahn – an der Middle Fork des Flathead River entlang. Man könnte fast meinen, die Bahn habe sich damals einfach an die schönste Route drangehängt.

Am Goat Lick Overlook vertreten wir uns die Beine und schauen uns die Eisenbahnbrücke an. Leckende Bergziegen sind leider nicht zu sehen.

In East Glacier biegen wir dann nach Westen in den Park ein. Es führen im Ostteil drei größere Stichstraßen in die Bergwelt: eine zu den Two Medicine Lakes, eine zum St Mary Lake und eine zu Many Glacier. West Glacier befindet sich zu großen Teilen im Winterschlaf. Wie man sieht, sind von den vergangenen Monaten alle Fenster vernagelt.

Ersterer folgen wir. Dort gibt es einen Running Eagle Fall Nature Trail, den wir zu unserer sportlichen Ertüchtigung zu wandern beschließen. Diesmal haben wir sogar Anti‑Bärenspray dabei. Die freundliche Hotelangestellte Sarah hat uns aus ihren Hotelbeständen welches ausgeliehen – wir fühlen uns schon sooo viel sicherer.

Den Wasserfall haben wir schnell gefunden. Der Trail ginge eigentlich noch näher heran, aber die „Brücke“, die aus ein paar losen Baumstämmen besteht, wirkt nicht vertrauenerweckend. Wir beschließen, dass wir heute nicht in die Lokalnachrichten wollen.

Two Medicine Lake heißt so, weil die Blackfeet hier zwei heilige Medizin‑Lodges errichteten und spirituelle Zeremonien abhielten. Der Ort war ein Zentrum für Heilrituale und gilt bis heute als einer der kulturell bedeutendsten Plätze ihres Stammes.
Am Ende des Two Medicine Lakes schließlich gibt es eine Ranger Station, von der man in die Berge blicken, aber auch mit einer Fähre fahren kann. Diese ist (noch) nicht in Betrieb, aber man lässt hier alles gerade für den Sommer warmlaufen.

Als wir am Lower Two Medicine Lake wieder nach links auf die 49 abbiegen, sagt uns Google Mops, dass diese Straße geschlossen sei. Wir müssten auch hier einen längeren Umweg fahren. Aber von „geschlossen“ sehen wir nichts. Uns packt die Abenteuerlust. Mal sehen, ob wir jetzt in einer Schneewehe steckenbleiben oder einen umgestürzten Baum zur Seite räumen müssen. Google hat ja schließlich immer Recht.

Zuerst sieht alles schön aus. Wir bekommen einen schönen Blick auf einen der Medicine Lakes, die Straße windet sich langsam und etwas holprig in die Höhe. Maximal erlaubte Geschwindigkeit: 25 mph. Das schafft sogar unser Dickschiff im Rückwärtsgang.
Ein Stück weiter, auf Höhe des Looking Glass Hill, tut sich ein weiter Blick auf einen der Seen mit den schroffen Bergen im Hintergrund auf. Postkartenmaterial, aber wer schreibt heute noch Postkarten?

Und dann sind wir schon an der Abzweigung auf die 89 bei Kiowa. Offensichtlich hat die allwissende IT hier eine Bildungslücke. Wir freuen uns einfach und folgen der 89, die sich in sanft geschwungenen Kurven in die Höhe schraubt, bis wir auch von hier einen tollen Blick in die Rocky Mountains bekommen.

Dann kommt auch schon das Dorf St Mary in Sicht. Wir biegen nach Westen ab und sind auf dem anderen Ende der Going‑to‑the‑Sun Road.

Wir folgen der Straße, auf der linken Seite immer der St Mary Lake, im Hintergrund die gewaltigen, schroffen Felsen und Gletscher, denen wir uns immer mehr nähern.

An verschiedenen Turnouts fahren wir mit unserem Dicken einfach an den Straßenrand und können das Fotografieren nicht lassen. Zum Glück ist der Verkehr sehr gering. Das ist der große Vorteil daran, dass wir jetzt schon Ende Mai hier angekommen sind. Nicht auszudenken, wie es hier im Sommer ist. Der Glacier NP ist einer der meistbesuchten Nationalparks in den USA, und hier fahren, um der Besucherströme Herr zu werden, Shuttle‑Busse. Aber zurzeit ist alles ruhig. Fast unheimlich ruhig.

Auf dem Rückweg nach Erreichen des Endes der Straße machen wir einen kurzen Stopp, um den Wasserfall am gegenüberliegenden Ufer abzulichten.

Wenn man in Gegenrichtung fährt, sehen die Berge natürlich ganz anders aus. Wahrscheinlich drehen sie sich heimlich, wenn man nicht hinschaut.

Wieder auf der Hauptstraße (89) düsen wir weiter Richtung Norden (ohne ein weiteres Foto zu schießen), bis wir bei Babb (nicht zu verwechseln mit BAP) in die dritte Stichstraße nach Many Glacier einbiegen. Wir fahren diesmal am Lake Sherburne vorbei, und auch hier bietet sich eine fantastische Landschaft. Was haben wir ein Glück mit dem Wetter. Irgendwer da oben mag uns.

Am Ende der Straße stehen wir schließlich vor dem Swiftcurrent Lake und bewundern das Panorama. Es ist einer dieser Momente, in denen man kurz überlegt, ob man nicht doch Landschaftsmaler werden sollte.

Im Hotel, das direkt am Seeufer liegt, muss man bestimmt für jede Minute der Nutzung der Aussicht einen gewissen Obulus entrichten. Vermutlich sogar fürs Atmen.

Wir sind schon fast auf dem Rückweg, als meine Göttergattin mir beinahe ins Steuer greift. Sie hat hoch oben auf dem Berg (fast unter den funkelnden Sternen) ein paar sich bewegende Punkte entdeckt. Mit dem bloßen Auge ist nicht zu erkennen, ob es sich um Mountain Goats oder Bighorn Sheep handelt. Also hole ich meine Dicke Berta hervor und versuche, etwas mehr zu erkennen. Leider flimmert die Luft dort oben gewaltig, aber die Aufnahme zeigt, dass es sich wohl um Schafe mit Hörnern handelt. Immerhin etwas.

Da wir ja schon festgestellt haben, dass auf dem Rückweg immer alles anders aussieht, stoppen wir zweimal am Lower Saint Mary Lake, um ein letztes Mal diese Aussicht festzuhalten.


Eine allerletzten Stop legen wir am Blackfeet Indian Memorial ein. Die Wolken ziehen sich gerade zu und tauchen die Berge in ein mystisches Licht. Man könnte fast glauben, gleich kommt ein Geist aus der Legende vorbei.

Genug fotografiert. Jetzt liegen noch über zwei Stunden Fahrt vor uns. Für den Rückweg wenden wir uns wieder an die allwissende Landkarte. Sie schlägt uns aufgrund einer Straßensperrung (die 49, wir erinnern uns) einen langen Umweg vor. Aber wir erinnern uns auch, dass wir genau diese Straße erst kürzlich in der Gegenrichtung gefahren sind. Die nächste Viertelstunde könnte man überschreiben mit: „Wie treibe ich ein Navi in den Wahnsinn?“ Die ganze Zeit bekommen wir die Instruktion, umzudrehen und ja nicht weiterzufahren. Erst als wir wieder auf der Montana Scenic Loop sind, beruhigt es sich wieder. Aber diese Biester sind anscheinend rachsüchtig. Kurz vor Kalispell zeigt der Bildschirm immer die gleiche Straße an, ohne den Autopunkt weiterzubewegen. Wir schalten schließlich ab und navigieren mit Karins Navi weiter. Das hat es jetzt davon.
Auf der Montana Scenic Loop rund um und durch die Berge erwischt uns nochmal Regen, der aber aufhört, als wir uns Kalispell nähern.
Ein absolut aufregender Tag, der uns hat erkennen lassen, warum dieser Park so beliebt ist. Das Bärenspray haben wir nicht verwendet. Vielleicht hätte man es auch verwenden können, um Fleisch zu würzen. Aber das testen wir lieber nicht.



