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20.05.2026 – Von Kalispell nach Liberty Lake

Jetzt haben wir auch den Glacier National Park gesehen. Eine Erfahrung, die sich auf jeden Fall gelohnt hat. Und die deshalb so angenehm war, weil sich zu dieser frühen Zeit im Jahr die Besuchermassen deutlich in Grenzen hielten. Ob uns das noch so gut gefallen würde, wenn wir Shuttle-Busse buchen müssen oder uns um ein Permit schlagen, das sei im Augenblick dahingestellt.

Es geht heute aus Montana heraus nach Südwesten, über Idaho an die Ostgrenze von Washington. Der an der Grenze zu Kanada liegende Staat hat uns schon in seinen Bann geschlagen. Big Sky ist kein leeres Wort, es ist Default-Einstellung. Ich schätze, wir sind nicht das letzte Mal hier gewesen.

Wie üblich kann man die Strecke von Hotel A nach Hotel B auf dem kürzesten Weg zurücklegen. Oder auf dem schönsten Weg. Letzterer führt uns über einen “kleinen” Umweg über Bonners Ferry, Sand Point und Coeur D’Alene auf den Interstate 90 und dann nach Liberty Lake.

Zuerst schlagen wir den Weg zum Walmart ein, denn das ist die letzte Gelegenheit, komplett steuerfrei einzukaufen. Anschließend füllen wir den Tank beim nahegelegenen Costco für 4,499 USD/Ga einmal voll und machen uns auf den Weg über die State Route 2. Diese hat uns auch auf dem Weg nach East Glacier begleitet und zieht sich wie ein roter Faden an der Nähe der kanadischen Grenze von Ost nach West. Oder von West nach Ost? Wer weiß das schon?

Die Landschaft auf der Strecke ändert sich. Rollende Hügel werden abgelöst von dichten Nadelwäldern, die ich aber (auf der Beifahrerseite) zu Teilen verschlafe. Wir durchqueren den Ort Libby, der a) größer ist, als ich vermutet habe und b) nichts mit der Kondensmilch zu tun hat, die wir aus Deutschland früher kannten.

Ca. 100 Meilen später (ja, das sind Entfernungen) stehen wir auf dem Parkplatz der Kootenai Falls. Kootenai ist eine historische Fremdbezeichnung für das Volk der Ktunaxa, entstanden durch Missverständnisse, Übersetzungen und Aussprachevarianten anderer Stämme und später europäischer Händler.

Um zu den Falls zu gelangen, gehen wir erstmal auf einem breiten und asphaltierten Weg nach unten, bis wir rechter Hand vor einer Brücke stehen. Ist das die Suspension Bridge, die überall angepriesen wird? Wohl kaum.

Gerade, als wir sie überqueren, fährt einer der vielen Züge über die parallel zum Fluss verlaufende Bahnstrecke.

Dann geht es weiter, etwas rauher wird der Weg, wir hören das Rauschen der Wasserfälle aus der Ferne. Und dann stehen wir vor den Kaskaden. Über viele Stufen fällt der Kootenai River mit ungeheurer Macht ein paar Stufen tiefer.

Wir wechseln die Standpunkte mehrmals, um ja alle Facetten dieses doch außergewöhnlich schönen Spektakels mitzubekommen.

Das ist so das, was wir uns immer von unseren Urlauben erhoffen: Landschaftliche Kleinode, die nicht übermäßig von anderen Menschen überlaufen werden. OK, wir tragen ja selbst dazu bei, aber es ist trotzdem schön, etwas Ruhe und Frieden zu finden.

Ein letzter Blick auf die Fälle und wir machen uns auf, um die richtige Suspension Bridge zu finden. Und da ist sie. An paar Stahlseilen aufgehängt, schaukelt sie beim Drübergehen entgegenkommender Passanten leicht hin und her. Der Kommentar der ankommenden Dame, dass auf der andere Seite ein Seil lose wäre, beruhigt nicht gerade, aber ihr Augenzwinkern straft die Ernsthaftigkeit ihrer Aussage Lügen.

Also wagen wir uns auch, einzeln, diese Konstruktion zu überqueren. Es schaukelt nicht schlecht, aber wir kommen beide heile drüben an. Auch andere Besucher schaffen es zumindest in diese Richtung.

Nachdem wir uns eine ganze Weile am Fluss ergötzt haben, geht es auf dem gleichen Weg zurück. Leichter Regen begleitet uns auf den letzten Metern. Was haben wir gerade bei der Brücke und den Fällen Glück gehabt.

Einen weiteren Stop legen wir an der Moyie River Canyon Bridge ein. Wer es bisher noch nicht wusste (obwohl es eigentlich zur Allgemeinbildung gehört),„Moyie“ ist ein Ktunaxa‑Wort und bedeutet etwa „der sich windende Fluss“. Europäische Händler übernahmen den Namen im 19. Jahrhundert, und heute tragen Fluss, Orte und Brücken in Idaho und British Columbia diesen Namen für den in Kanada entspringenden Fluss. Es gibt also doch Grenzverkehr ohne Kontrollen.

Irgendwann überqueren wir die Grenze nach Idaho. Das merken wir an zwei Dingen: Erstens landen wir ein der Pacific Timezone (wir gewinnen eine Stunde zurück, wie bei der Sommerzeit-Rückstellung im Herbst) und zweitens sind auf den Landstraßen nur noch 60 mph erlaubt, nicht mehr 70. Kein großer Verlust, haben wir es doch gerne gemütlich.

Kurz vor Bonners Ferry gabelt sich die Straße. Nach Norden geht es auf direktem Weg nach Kanada, ca. 23 Meilen entfernt.

Das Internet beschreibt den Ort wie folgt:

Bonners Ferry – die Stadt, die aus Versehen entstanden ist.  Bonners Ferry wurde nicht gegründet, sondern passierte einfach:
Ein gewisser Edwin Bonner, ein Händler mit Unternehmergeist und vermutlich wenig Lust auf lange Umwege, baute 1864 eine Fähre über den Kootenai River. Die Goldsucher brauchten eine Überquerung, Bonner brauchte Geld – und zack, entstand ein Ort.

Der Name ist also wörtlich zu nehmen:
Bonners Fähre → Bonners Ferry.
Keine Legende, kein Häuptling, kein französischer Trapper. Einfach ein Mann mit Boot.

Als später die Great Northern Railway durchzog, wurde aus der Fähren‑Haltestelle ein richtiger Ort.
Heute wirkt Bonners Ferry wie eine Mischung aus:
„Wir haben nur eine Hauptstraße, aber die ist hübsch“
„Hier kennt jeder jeden“
„Und der Rest kennt zumindest den Hund vom Nachbarn“

Ich glaube, die Beschreibung trifft es sehr gut. Gemütlich, klein, alt.

Ein Schulbus steht mit offener Hintertür auf der Straße, offensichtlich keiner Angst, dass jemand etwas klaut. Oder die Schüler sind alle weggerannt und der Busfahrer fängt sie gerade wieder ein.

Gegenüber ein altes Kino, so wie wir die aus Filmen kennen. Einfach süß, der Ort.

Aber wir müssen weiter. Wir scouten nur. D.h. wir schauen uns um, ob es sich lohnt, hier und in der Nähe ein paar Tage zu verbringen. Check

Der nächste Ort auf der Reiseroute ist Sandpoint am Pend Oreille. Zur Entstehung der Namen habe ich folgendes gefunden:

Sandpoint heißt so, weil ein französischer Trapper eine sandige Landzunge sah und dachte: „Voilà, ein Sandpunkt.“
Der Name blieb hängen – vermutlich besser als der Sand.

Pend Oreille dagegen verdankt seinen Namen französischen Pelzhändlern, die den Kalispel‑Stamm wegen ihrer großen Muschel‑Ohrringe kurzerhand „die mit den hängenden Ohren“ nannten. Der Name blieb ebenfalls hängen – die Ohrringe vermutlich auch. Und damit hätten wir auch gleich den Namen Kalispel geklärt.

Ich hatte von der “Stadt” eine völlig falsche Vorstellung: Ein riesiges Touristenzentrum mit kilometerlangen Hotelburgen, Einkaufszentren und allem was das Herz von reichen Damen begehrt. Aber weit gefehlt. Etwas größer als Bonners Ferry ist es schon, schließlich haben wir einen großen See mit entsprechenden Freizeitmöglichkeiten direkt angrenzend. Aber da ist auch eine süße Altstadt.

Ein bisschen komme ich mir vor wie in der Cannery Row in Monterey.

Das Gebäude von MickDuff’s Brewing Company war früher ein typisches Main‑Street‑Ladenlokal: mal Geschäft, mal Werkstatt, mal alles gleichzeitig. Dann kamen die McDonald‑Brüder, bauten es liebevoll um und machten daraus Sandpoints gemütlichstes Wohnzimmer mit Zapfhahn. Heute ist es ein Paradebeispiel dafür, wie man ein altes Downtown‑Gebäude in ein neues Herzstück der Stadt verwandelt – mit Bier, Charme und sehr viel Holz.

Das einzige, was an modernen Tourismus erinnert, ist die Cedar Bridge Public Market, ein Einkaufszentrum, welches man Venedig mit der Rialto Brücke nachempfunden hat. Klevere Lösung, einfach den Fluss zu nutzen.

Wir nutzen den City Park am See, um eine kleine Pause einzulegen. Wir können uns das erlauben, da wir ja eine Stunde geschenkt bekommen haben.

Weiter geht es nach Coeur d’Alene. Hier ist die Entstehungsgeschichte nicht uninteressant:

Der Name Coeur d’Alene klingt französisch – und ist es auch.
Er bedeutet wörtlich:

„Herz aus Ahlen“
oder sinngemäß
„Herz aus Stahl / hart wie eine Ahle“

Die französisch‑kanadischen Pelzhändler gaben diesen Namen dem dort lebenden indigenen Stamm, weil sie deren Verhandlungsgeschick für… sagen wir mal… robust hielten. Wenn die Händler glaubten, ein gutes Geschäft gemacht zu haben, lächelten die Coeur d’Alene nur höflich – und hatten trotzdem den besseren Deal.

Was uns mit der Vergangenheit der Stadt verbindet, ist die Tatsache, dass wir vor vielen Jahren mit den Kindern und dem Wohnmobil hier pausierten. Die Erinnerungen sind durchaus unterschiedlich. Die Dame neben mir mit dem fantastischen Gedächtnis erinnerte sich noch bestens an das (in meinen Augen nicht gerade hübsche) Hotel, in meiner Erinnerung war geblieben, dass man nirgendwo am See kostenlos, wenn überhaupt, mit dem Wohnmobil stehen bleiben konnte. Und ein riesiger Spielplatz, der aus Holz wie ein Burg aufgebaut war.

Coeur D’alene ist die letzte Möglichkeit für einen Costco zum Tanken, welches wir ausnutzten, obwohl sich ganz Amerika gerade auf den anstehenden Feiertag vorbereitet. Und die standen gefühlt alle vor uns an der Tankstelle. Wir luden unseren Dicken für 4,459 USD/Ga voll und machten uns danach auf den Weg nach Liberty Falls in Washington, welches nur wenige Meilen hinter der Staatsgrenze liegt.

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