Merkwürdiger Titel, nicht wahr? Aber wir hatten uns in der näheren Umgebung umgeschaut nach Wasserfällen und waren fündig geworden. Es gibt im Umkreis von ca. 30 Meilen von Creede mehrere Klippen, über die sich das Wasser todesmutig in die Tiefe stürzt. Wir wussten auch, dass es in Creede ein Visitor Center gibt, welches mit ortskundigem Personal ausgestattet ist.
Aber fangen wir vorne an. Als ich aus der Türe schaute, schlug mir wirklich eisige Kälte entgegen. Die Frontscheibe unseres Trucks war mit einer dicken Eisschicht bedeckt. Einen Eiskratzer hatten wir selbstverständlich nicht dabei. Hätte auch einer mit einem sehr langen Griff sein müssen. Aber da der Parkplatz so gut wie leer war – es tummelten sich gerade mal vier weitere Fahrzeuge vor den Zimmern – setzte ich einfach rückwärts. Denn dir Rückfahrkamera funktionierte noch. Und drehte den Wagen so, dass die Frontscheibe in die Sonne zeigte. Wir werden gleich sehen.
Unser Hotelzimmer war, was die Modernität der Ausstattung betrifft, kaum von anderen Zimmern unserer Reise zu übertreffen. Schade, dass wir nicht alles nutzen können.
Das Hotel bietet kein Frühstück inclusive an, man kann sich diverse Häppchen an der Rezeption dazukaufen. Da wir das vorher wussten, hatten wir uns in der letzten größeren Stadt mit Walmart entsprechend eingedeckt. Wusstet ihr, dass es Bacon gibt, der vorgebacken und eingeschweißt so verkauft wird, dass er nicht gekühlt werden muss? Wir bis dahin auch nicht. Jedenfalls hatten wir einige Pakete davon mitgebracht, Tortillas, Käse, Müsli und einige andere Leckereien, mit denen man sich ein gutes Frühstück zusammenzaubern kann. Dann stellte ich mein Nachttischen nach draußen zwischen zwei Adirondeck Stühle, warf mir ein Sweatshirt über und wir konnten das schönste Frühstück unseres gesamten Urlaubes genießen. Die Hose wird zuhause wieder gewaschen.
Nun geht es auf die Piste. Nach Creede (ausgesprochen kried) sind es ungefähr 25 Minuten, die Strecke kannte ich mittlerweile auswendig. Am Visitorcenter trafen wir auf eine Dame, die entweder unlustig oder unkundig (oder beides) war. Jedenfalls war sie bei der Auswahl und den Vorschlägen für unsere Wasserfallwünsche keine große Hilfe. Was für den geneigten Leser eventuell eine Hilfe sein kann, ist eine App, die sie uns empfahl: Co Trex, Colorado Trail Explorer. Soll angeblich um Größenordnungen besser sein als Alltrails. Wir luden sie uns runter, aber wir sind mittlerweile so auf Alltrails eingeschossen, dass wir die neue App nicht verwendeten.
Dann ging es an die Planung. Als wir gestern Abend an den North Clear Creek Wasserfällen vorbeikamen, konnte ich erkennen, dass die Sonne genau im Rücken der Fälle stand. Also sollte es heute am Vormittag deutlich besser sein. Deshalb setzten wir diesen Wasserfall als ersten auf unsere Liste, auch, weil er am weitesten entfernt lag.
Wir durchfuhren im Morgenlicht das gleiche wunderschöne Tal wie gestern, halt nur in entgegengesetzter Richtung.
Erwartungsgemäß lagen die Fälle optimal für den Fotografen in der Sonne.
Man kommt nicht nach unten, aber in diesem Fall macht das nichts. Wenn man sich umdreht, geht es zu einem kleinen Bergrücken. Diesen sollte man auf jeden Fall erklimmen und sich bis an den Rand der Klippen, relativ weit rechts, begeben. Dann hat man einen fantastischen Ausblick in das Tal, in dass der Fluss dann fließt. Den Anblick der jungen Dame gibt es kostenlos dazu.
Es geht weiter. Hatten wir gerade die North Clear Creek Falls besucht (welche wir von früher schon kannten), so waren jetzt die noch unbekannten South Clear Creek Falls dran. Dazu fährt man einfach ein paar Meilen die Straße nach Creede zurück und biegt auf den Silver Thread Campground ab. Man durchquert selbigen und steht dann auf einer Parking Lot speziell für die Falls.
Der Weg dahin ist ausgeschildert und geht nur wenige hundert Meter, der aber fast die ganze Strecke steil bergab führt. Schließlich standen wir vor einem weiteren wunderschönen Wasserfall.
Man kann auch noch etwas näher rangehen, wenn man die Gischt nicht scheut und dann solch eine schöne Langzeitbelichtung machen.
Wenn man sich dann wieder auf den Weg nach oben macht, merkt man, dass wir uns auf knapp 3000 Meter Höhe befinden. Locker oberhalb der Höhe der Zugspitze. Und was wir da für ein Trara gemacht, um dahin zu kommen. Und hier spazieren wir hemdsärmelig zu unserem Parkplatz zurück. Auf jeden Fall ist die Luft hier genauso dünner wie in Deutschland und der Anstieg lässt einen schnell außer Atem kommen.
Zweiter Wasserfall: Check. Als nächsten und letzten Fall hatten wir noch den Rex Fall auf dem Plan. Hat nichts mit Kommissar Rex aus der Fernsehserie zu tun. Die Dame aus dem Visitorcenter wollte uns absolut nicht dahin lassen, es gäbe dort keine Parkplätze, ausgeschildert sei dort auch nichts, eine ziemliche Abwehrhaltung. Aber daraus machen wir uns nicht viel. Mit den Informationen, die wir haben, schaffen wir das auch ohne ihre Hilfe. Wenn man den Parkplatz verlässt und die Straße 149 überquert, landet man direkt auf der 10 oder auch 515, Doppelbezeichnung. Hier fährt man nur ca. eine Meile, bis man vor sich das Tal mit Brown Lakes State Wildlife Area sieht (das war genau das Tal, was wir mal von oben bewundert hatten und mal kennenlernen wollten).
Auch hier üppige Gelbfärbung der Aspen, munter windet sich der Porcupine Gulch durch die Wiesen. Und im Hintergrund, etwas links von der Mitte, ein Einschnitt, hier soll der Wasserfall liegen. Einen regulären Parkplatz gibt es tatsächlich nicht, aber der Untergrund sieht so abgenutzt aus, hier haben schon andere Autos gestanden.
Wir machen uns auf den Weg und überqueren schon nach ca. 100 Metern den Gulch und es geht in die Berge. Es stimmt, es ist nichts ausgeschildert, aber der ausgetretene Pfad macht uns die Wegfindung leicht und das Rauschen des Wassers deutet unmissverständlich auf einen Fall hin. Nach ein wenig Kletterei schließlich stehen wir für den Rex Falls.
Warum uns die Dame den vorenthalten wollte, wissen wir auch nicht.
Wir finden das Tal einfach schön und fahren weiter. An einem der Seen machen wir Mittagspause auf der Ladefläche unseres Trucks und genießen die Sonne und die Stille.
Es ist schon erstaunlich, wie wenig Menschen sich hier tummeln. Irgendwann stoßen wir auf Privatgelände, den Hermits Club, und drehen um. Dann geht es auf den Rückweg. Auf der 149 schwebt plötzlich ein großer Raubvogel. Karin meint, es könnte ein Weißkopfseeadler sein. Oder ein Steinadler. Er kam leider nicht nah genug ran, um ihn zu fragen.
Dann endlich kamen wir wieder in Creede an. Da gehört es zum Standardprogramm, die Batchelor Loop zu fahren. Sie erhielt ihren Namen von den frühen Silberminen am Bachelor Hill, deren Bezeichnung sich auf die dort arbeitenden alleinstehenden („bachelor“) Minenarbeiter bezog.
Die Strecke entstand im Zuge des großen Silberbooms ab 1891, als rund um Willow Creek zahlreiche Minen wie Amethyst, Last Chance und Commodore eröffnet wurden und Creede zeitweise über 10.000 Einwohner hatte.
Heute ist der Loop ein 17‑Meilen‑Rundweg, auf dem viele historische Minengebäude, Ruinen und Interpretationspunkte erhalten geblieben sind, obwohl der Bergbau seit den 1930er‑Jahren weitgehend eingestellt wurde.
Zu den Sehenswürdigkeiten zählen alte Minenstandorte, Geisterstadt‑Relikte, der steile „Black Pitch“, die Aussicht auf Creede sowie der historische Grabpunkt von Bob Ford am Ende der Route.
Wir waren die Strecke früher einmal gegen den Uhrzeigersinn gefahren, weil am Anfang der Strecke, kurz hinter Creede, große Überreste alter Minen stehen. Die Dame am Visitor Center hatte uns in diesem Punkt korrekt beraten, wir sollten im Uhrzeigersinn fahren, wegen Bauarbeiten sei ein Teil nur einspurig in dieser Richtung befahrbar. Also machten wir uns auf den Weg. Die Straße führt steil den Berg hinauf, ist aber in gutem Zustand. Ein Blick auf die alte Minenstadt eröffnet sich. Die Sendemasten im Vordergrund haben damals bestimmt nicht gestanden.
Weiter geht es, bis wir fast auf Höhe der Schneegrenze bei etwas über 3.200 Metern sind. Gut, dass wir einen so fetten Motor haben, dem merkt man die Höhe nicht im geringsten an.
Immer wieder durchqueren wir Täler, deren gelbe Blätter in der Sonne leuchten.
Wir kommen an diversen Relikten von Minen vorbei, Bodie in Californien lässt grüßen.
Schließlich geht es an den finalen Abstieg ins Tal, es geht durch eine enge Felsschlucht, direktes Sonnenlicht ist hier Mangelware. Die Straße hat auch schon bessere Tage gesehen, aber den Vierradantrieb brauchen wir noch lange nicht einzuschalten.
Dann kommt die Baustelle. An der engen Straße vorbei anscheinend über oder durch das Bachbett hat man eine kleine Umleitung gebaut. In Deutschland wäre das ein Grund gewesen, die ganze Loop für drei Jahrzehnte zu sperren. Hier fährt man einfach über den Schotter und sieht über und neben sich immer wieder Reste der alten Minenbauten.
Wie die das zum Halten bekommen haben, ist mir ein Rätsel. Ingenieure halt. Schließlich fahren wir in Creede ein, das Nest ist hübsch und ruhig wie immer.
Viel Zeit gönnen wir uns hier nicht, denn wir haben uns selbst im Hotel ein Wellnesspaket gebucht. Aber ein Foto von der Tankstelle darf sein.
25 Minuten später rollen wir vor unser Zimmer. Oh Schreck, der Key-Code (es gibt keine Karten) hat sich mal wieder geändert. Aber ich habe eine Mail mit der richtigen Nummer bekommen. Das ist die dritte in zwei Tagen. Da gefallen mir die Karten besser. Aber egal, jetzt geht es in den Pool. Ein riesiger Holzzuber mit richtig schön warmem Wasser hilft uns, die durch das Wandern strapazierten Knochen zu entspannen. Anschließend gibt es vor unserem Zimmer wie am Morgen leckers Essen und dann werden alle Vorräte gut weggeräumt. Denn in der vergangenen Nacht hatte das Hotel Besuch von einem Bären, ein Mülleimer war umgekippt und durchsucht worden.