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03.10.2026 – Von South Fork nach Colorado Springs

Auch heute morgen war unsere Frontscheibe dick mit Eis bedeckt. Also drehte ich wieder brav den Wagen mit der Spitze in die Sonne. Gestern hatte es auch erstaunlich gut geklappt mit dem Enteisen.

Heute müssen wir diese gemütliche Hotel verlassen. Die Tatsache, dass kein Frühstück angeboten wird, haben wir elegant zu einer superschönen Lösung umgewandelt. Auch heute frühstückten wir auf der „Veranda“ im strahlenden Sonnenschein. Wie sich die Gefühle allerdings wandeln würden, wenn es aus Kübeln geschüttet hätte, kann ich nicht sagen.

Mit Colorado Springs verlassen wir die Wildnis und landen wieder in der Zivilisation. Ist das ein Vorteil? So kleine Nester wie diese haben auch eindeutig ihren Charme. Bevor es auf die lange Tour geht (fast 300 Meilen), müssen wir tanken. Bis auf unter 100 Meilen Restreichweite sind wir runter. Die App Gasbuddys verriet mir, dass es im Nachbarort Del Norte eine Shell Tankstelle gäbe, die Premium für unter 5 USD/Ga verkauft. 20 Meilen schaffen wir noch, ansonsten muss Karin schieben.

Die Shell-Tankstelle existierte als solche nicht mehr, nur die gelben Balken an der Überdachung zeugten von der Vergangenheit. Aber wenn „Everyday“ mir billigen Sprit verkaufen möchte, sage ich nicht nein. 4,699 USD/Ga ist ein akzeptabler Preis. Wir hatten uns an deutlich mehr gewöhnen müssen.

Unser Tour sollte uns in die Berge über Poncha Springs führen, um dann nach Bishop Castle den Interstate Highway zu treffen, von wo aus es zu Costco und dann zum Hotel gehen sollte.

Es geht lange, lange Zeit auf ebener Strecke entlang. Rechts neben uns eine Bergkette, in der Mitte vermutlich der Cottonwood Peak und der Electric Peak.

Wir durchfahren Poncha Springs, ein Nest wie jedes andere, um dann kurze Zeit später das Ortseingangsschild von Salida zu passieren. Wie wir meinen, auch ein Nest wie jedes andere. Aber als wir in die Oldtown einfahren, ist dort richtig Trubel, fast Volksfeststimmung. Wir beschließen, uns einen Parkplatz zu suchen und zu schauen, was es hier so gibt.

Und wir werden überrascht. Nicht nur der übliche eine Straßenzug mit ein paar wenigen alten Steinhäusern, hier gibt es ein regelrechtes Downtown-Viertel, alles belebt. In einer Bar an der Ecke ist gerade ein großes Bikergangtreffen. Einmal im Jahr versammelt man sich hier und fährt dann gemeinsam weitere Stationen an.

Aber die Stadt hat noch mehr zu bieten. Wenn man den Fluss überquert (dazu komme ich später), landet man vor einem „Hügel“, dem Hausberg. Dort hat ein findiger PR-Manager die Stadt überredet, dutzende von Wanderwegen auszuschildern, die auch für Bikes fahrbar sind.

Der Sport ist die eine Sache, nicht nur im Sommer. Auch Boutiquen, Kunstläden, aber auch Antiquitätenshops, Kaffees und Restaurants zieren diese Straße. Es macht richtig Spaß, dort entlang zu flanieren, Leute zu gucken und auch die schön instandgesetzte Architektur zu bewundern.

Natürlich gibt es auch Ecken, die nicht direkt für das Publikum bestimmt sind. Obwohl sich dort Schätze verbergen, die manch ein Oldtimerliebhaber mit Kusshand nehmen würde.

Eine Brücke führt über den Fluss, im Hintergrund leuchtet ein schneebedeckter Berg. Im Vordergrund Kanuten, die sich darin üben, nicht nass zu werden.

Nicht nur München hat eine Welle für die Surfer, auch Salida kann damit dienen. Aber wir haben niemanden gesehen, der mit dem Surfboard dort geübt hat. Nur ein großes Schlauchboot hoppelt vorsichtig darüber.

Und da sind wir bei einem sehr spannenden Teil unserer Reise. Wir haben beim durchqueren der diversen Staaten immer wieder größere Flüsse gesehen, die wir von früher her kannten: Den San Juan aus Utah, den Colorado River in Arizona und den Rio Grande in New Mexiko. Wie hängt das alles zusammen? Und jetzt kommt noch der Arkansas River dazu, der einen Staat im Namen hat, mit dem wir bisher überhaupt nichts am Hut hatten. Ich habe mal Copilot gebeten, mir das grafisch aufzuarbeiten und stelle das mal hier zur Verfügung.

Wir jedenfalls hangelten uns am Arkansas River entlang und an einer weiteren Bergkette,

immer auf der 50, bis wir bei Cotopaxi den Cutoff über die 1A bis zur 69 fuhren.

Es geht in die Wälder, gelbe Aspen begleiten uns auch hier.

In Westcliffe schließlich bogen wir auf die 96 ab, um nach einigen weiteren Meilen in eine große Menschenansammlung zu geraten: Wir hatten Bishop Castle erreicht.

Mitten im San Isabel National Forest bei Rye, Colorado, erhebt sich ein Bauwerk, das so unwahrscheinlich wirkt, dass man es zweimal ansehen muss: Bishop Castle, ein 50 Meter hoher, handgebauter Steinturm mit eisernen Treppen, Brücken und einem feuerspeienden Drachenkopf.
Der Erbauer, Jim Bishop, begann 1969 mit nichts als einem Haufen Felsbrocken und der Idee, ein Haus zu bauen. Über Jahrzehnte wuchs daraus ein Schloss – Stein für Stein, ohne Bauplan, ohne staatliche Hilfe. Bishop arbeitete bis zu seinem Tod 2024 an seinem Lebenswerk, das heute als das größte „Ein‑Mann‑Projekt“ der Welt gilt.

Im Sommer 2026 bedrohten gleich zwei Waldbrände das Schloss: zuerst das Aspen Acres Fire, später das Saint Charles Fire.
Die Flammen rückten bis auf wenige hundert Meter heran, Evakuierungen wurden angeordnet, und tagelang war nicht klar, ob das Bauwerk überleben würde.
Dank des Einsatzes der Pinon Canyon Fire Crew, die rund um die Uhr Brandschutzlinien legte, blieb das Schloss unversehrt. Die Feuerwehrleute trugen sich später in das Gästebuch ein – als Zeichen, dass sie Geschichte geschrieben hatten.
Die Umgebung ist stark verbrannt, doch das Schloss steht weiterhin als Symbol für Durchhaltevermögen und Gemeinschaft.

Bishop Castle war immer kostenlos zugänglich – ganz im Sinne seines Erbauers.
Die Instandhaltung erfolgt ausschließlich durch Spenden und den Verkauf kleiner Souvenirs.
Nach den Bränden wurde eine GoFundMe‑Kampagne gestartet, um Reparaturen und medizinische Kosten zu decken.
Die geplante „Medieval Fair“, die erstmals im August 2026 stattfinden sollte, musste abgesagt werden, soll aber künftig nachgeholt werden.

Wer die Strecke durch den Wet Mountain Valley fährt, erlebt Bishop Castle als ein Stück gelebter Freiheit:
Ein Ort, an dem ein einzelner Mensch bewiesen hat, dass Vision und Ausdauer selbst aus Fels und Eisen Träume formen können.
Heute steht das Schloss nicht nur als Sehenswürdigkeit, sondern als Symbol für den unbeugsamen Geist Colorados.

Wir kletterten (wie die meisten anderen) über die schmalen Metall-Leitern nach oben. Eine deutsche Bauaufsicht würde wahrscheinlich einen Herzinfarkt nach dem anderen erleiden, aber die Erbauer weisen deutlich darauf hin, dass das Betreten auf eigene Gefahr geschieht.

Nun denn, ab nach oben.

Während ich es schaffte, in die oberste Drahtkugel zu gelangen (zu sehen auf dem ersten Foto rechts neben dem steinernen Turm), schaffte es meine von Höhenangst geplagte Gattin immerhin auf die durchsichtigen Stahlstufen ziemlich weit oben.

Wir müssen weiter. Am Lake Isabel auf dem Weg zum Interstate 25 gönnen wir uns Zeit für ein Foto,

dann geht es durch die stellenweise stark verbrannten Wälder weiter.

Auf dem Interstate rauschen wir dann Hands free mit 75 Meilen durch bis Colorado Springs, gönnen uns bei Costco ein leichtes Abendessen und checken mit Sack und Pack im Hotel ein. Mein Rechner und mein Handy erkennen das Wlan-Passwort wieder, ein Gefühl, wie nach Hause zu kommen.

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