Jetzt verlassen wir den heißen Teil des Staates. Östlich der Cascade Range ist das Klima üblicherweise heiß und trocken (wie wir gesehen haben an meinen Shorts), westlich kommt der Einfluss des Meeres dazu, der uns mit kühlerem und feuchterem Wetter versorgt.
Aber erstmal frühstücken wir. Das Hotel ist seit gestern Abend ausgebucht und die arme Anne, die heute alleine Küchendienst hat, ist fürchterlich im Stress, um sämtliche Wärmebehälter mit Rührei, Würstchen und anderen Leckereien gefüllt zu halten. Man möchte ihr eigentlich einen Kaffee reichen und sagen: „Atme. Es sind nur hungrige Touristen, keine Raubtiere.“
Wir verlassen das Hotel, nicht ohne noch eine Diskussion über die Rechnung angezettelt zu haben. Denn wir hatten einen Teil des Betrages versucht, mit einer Travelcard über 50 Euro zu begleichen. Dieser tauchte nirgendwo auf. Stattdessen wurden knapp 7 USD dazugebucht. Die Dame des Hauses, Heidi, versprach uns, das zu regeln und uns eine neue Rechnung per E-Mail zukommen zu lassen. Diese ist mittlerweile angekommen, aber wir werden immer noch nicht wirklich schlau daraus. Schauen wir mal, was die Kreditkartenabrechnung hinterher sagt. Vielleicht versteht die wenigstens, was hier passiert ist.
Für die Fahrt an die Küste haben wir uns für die Stateroute 2 entschieden. Sie führt zuerst über Leavenworth und dann durch die Berge. Leavenworth ist (und war es auch schon vor ca. 40 Jahren, als ich das erste Mal hier durchkam) eine Stadt, im bayrischen Stil aufgebaut. Lüftlmalereien, typische Balkone sind allerorts zu sehen. Ich glaube, die jetzige Fußgängerzone war früher die Hauptdurchgangsstraße.

Viele Bezeichnungen von Hotels und Geschäften sind in deutscher Sprache gehalten, ebenso die Straßennamen. Diese allerdings zweisprachig, sonst würden sich die Amis hier nicht zurechtfinden. „Bergstraße / 8 th Street“ – sicher ist sicher.

Die öffentlichen Toiletten entsprechen zum Glück nicht dem deutschen Standard, sie sind sauber und kostenlos. Letzteres kann man allerdings von den Parkplätzen in der Nähe von Downtown (sorry, Stadtmitte) nicht behaupten. Da wird man zur Kasse gebeten, bevor man überhaupt aussteigen kann.

Ich schlenderte einmal durch, ohne allerdings auch nur ein einziges Geschäft mit Weihnachtsdeko zu entdecken. Entweder hat man hier umgesattelt oder es ist noch zu früh im Jahr. August reicht ja vollkommen, um die ersten Lebkuchen anzubieten. Vielleicht hat Leavenworth das Memo einfach nicht bekommen.
Etwas abseits fallen mir Schilder zum Waterfront Park auf. Das klingt gut. Von bayrischer Gemütlichkeit habe ich im Vorbeigehen genug genossen und ich schlendere gemütlich am Wasser vorbei, das gefällt mir besser und passt besser hierhin.

Wieder zurück in der „Großstadt“, denn sie haben eine Ampel, schwingen wir uns in den Wagen und fahren weiter auf der 2 Richtung Westen. Immer entlang des Wenatchee River, welcher uns mit tollen Stromschnellen überrascht. Ein Fluss, der eindeutig mehr Energie hat als ich vor dem ersten Kaffee.

Auf einem Schild lesen wir „Wenatchee State Park“. Das klingt verlockend. Die Aussicht im See ist auch wunderschön, wäre nicht heute Samstag, das Memorial-Day-Wochenende hat begonnen und wenigstens halb Washington ist unterwegs in die Freizeit. So auch hier. Man könnte meinen, es gäbe Freibier.

Aber wir haben ja Glück insofern, als wir auf unserem Weg nach Westen „gegen den Strom“ fahren, uns kommen deutlich mehr Autos entgegen als hinter uns schlängeln. Ein seltenes Gefühl: Wir sind die Entspannten.
Den nächsten Stopp machen wir am Deception Creek Trailhead. Ein Rundweg, der (wie der Name vermuten lässt) am Deception Creek vorbeiführt.

Eine wilde und ziemlich unberührte Landschaft erwartet uns. Immer wieder sehen wir umgestürzte Bäume.

Dann wieder junge Bäume, die aus alten Stümpfen hervorwachsen. Oder kleine Stromschnellen am Bach, die richtig schön aussehen. Natur eben – unperfekt, aber fotogen.

Dann sind wir plötzlich im Regenwald, Mose bewachsen wild die Bäume.

Der Rundweg ist leider nicht ganz rund, der letzte Winter hat ordentlich zugeschlagen. Umgestürzte Bäume haben eine der Brücken zerstört, indem sie sich einfach daraufgelegt haben.

Und dem Statepark Service ist es bisher noch nicht gelungen, dies zu reparieren. Egal, gehen wir einfach zurück. Sieht in allen Richtungen schön aus.

Schließlich kommen wir zu den Fällen, die schon sehr imposant aussehen. In jeglichem Format. Breitbild, Hochformat – alles dabei.

Unseren sorgsam ausgearbeiteten Zeitplan (haha) müssen wir jetzt sowieso in die Tonne klopfen, wir sind hoffnungslos hintendran.
Rechter Hand ein gewaltiges Bergmassiv, der Mt. Index, aber es ist fast unmöglich, ihn während der Fahrt abzulichten, immer stehen Bäume davor. Die Natur hat Humor.

Schließlich gelingt es mir, am Espresso Chalet eine Lücke zu finden und zack, ist er auf die Platte gebannt. Ebenso der überlebensgroße Bigfoot (es gibt ihn also doch). Ein Schild zu seinen Füßen kündet davon, dass hier der Film „Harry and the Hendersons“, in der deutschen Fassung „Bigfoot und die Hendersons“, am Mt. Index gedreht wurde. Ist mir vollkommen unbekannt, der Streifen. Vielleicht sollte ich ihn mal nachholen – oder auch nicht.

Schließlich haben wir genug gesehen und fahren auf direktem Weg zum Hotel. Man hat uns ohne Telefonat ein Upgrade auf ein größeres Zimmer gegeben, sehr schön. Leider funktioniert das Internet hier nicht, sodass ich mir einen Hotspot aufbauen muss, um diesen Bericht zu schreiben. Vielleicht klappt es ja heute Abend wieder. Wenn nicht, dann eben echtes Offline-Feeling – auch mal schön.



