Was macht man, wenn der Himmel grau ist, der Regen in den Startlöchern steht und die Göttergattin unter einer heftigen Erkältung leidet (ob es so schlimm wie ein Männerschnupfen ist, kann ich nicht beurteilen)? Man setzt sie in den Wagen und steuert ein schönes Ziel an. Schließlich soll frische Luft ja Wunder wirken – sagt man.
Aber vorher gibt es erst mal ein gutes Frühstück. Leckere Omeletts waren im Angebot, da darf man gerne zuschlagen. Und dann mussten wir unseren Dicken abgeben. Wir hatten nach unserer ersten Buchung durch eine Flugumstellung einen Tag „dazugewonnen“. Nur konnten wir die Wagenbuchung nicht ohne größere Kosten verlängern. Also Auto abgeben und neuen, sauberen Truck mit leeren Aschenbechern abholen. Normalerweise steht am Hertz-Schalter der Stellplatz unseres Autos angeschrieben. Wir gehen dann dahin, stellen fest, ob uns die Karre gefällt, und fahren los. Diesmal stand bei unserem Namen nur „see desk“. Und schon standen wir in der Schlange. Memorial-Day-Weekend. Und von drei Schaltern einer besetzt. Diese Situation haben wir schon einmal erlebt – und sie ist nicht besser geworden.
Als wir endlich drankamen, hieß es, der Führerschein habe kein Ablaufdatum. Haben ältere Führerscheine aus Deutschland auch nicht. Und das hat vor vier Wochen bestens geklappt. Aber wie heißt es so schön? Computer sind auch nur Menschen. Das Problem konnten wir dann relativ schnell klären und stiefelten zu unserem Parkplatz. Zuerst dachte ich, sie hätten unseren Dicken nur gewaschen und das Nummernschild getauscht. Aber es war doch ein neuer Pickup. Und man beachte: Zum ersten Mal, seit wir in den USA Pickups mieten, war es einer mit einer Ladeflächenabdeckung. Mit 460 Meilen auf dem Tacho roch er auch noch ganz neu – fast schon zu schade zum Einsteigen.

Wir verließen ganz vorsichtig die Garage, um mit dem Dickschiff nirgendwo anzuecken, und ich hatte ins Handy (welches sich übrigens problemlos mit dem Auto verband) den Point Robinson Park eingegeben. Da konnte ich zwei Highlights miteinander verbinden (wie wir hinterher sehen, kam noch ein weiteres kostenlos und überraschend dazu): Fähre fahren und einen Troll sehen. Obwohl ich das Fahren mit der Fähre eher unaufgeregt finde, kann sich meine Göttergattin immer wieder aufs Neue dafür begeistern. 43,16 USD wurden wir für die Fahrt von Fauntleroy (Ähnlichkeit mit dem kleinen Lord ist zufällig) los.

Aber dafür bekam die beste Fährfahrerin von allen etwas geboten, was sie so nicht erwartet hatte: Während ich mich gerade in der Fliesenabteilung aufhielt, bekam sie eine extra Whale-Watching-Tour angeboten. Drei Orcas kreuzten unseren Weg, die sie natürlich versuchte, mit dem Handy zu fotografieren – und das mit der Geduld einer National-Geographic-Fotografin.

Zu Vashon Island habe ich folgende Beschreibung gefunden. Und ich finde, das passt sehr gut.
Vashon Island wirkt, als hätte jemand Seattle und Tacoma eine Pause gegönnt und dazwischen eine Insel gelegt, auf der die Uhren grundsätzlich langsamer gehen. Man erreicht sie nur per Fähre, was automatisch dafür sorgt, dass niemand zufällig hier landet. Wer hier ist, wollte es wirklich.
Die Insel selbst ist eine Mischung aus Wald, Farmen, Künstlern und Leuten, die offenbar beschlossen haben, dass WLAN optional ist. Die Straßen sind schmal, kurvig und wirken, als hätten sie seit den 70ern keine ernsthafte Modernisierung erlebt. Passt aber irgendwie.
Im Zentrum – Vashon Town – gibt es ein paar Cafés, Galerien und Läden, die aussehen, als würden sie gleichzeitig Kunst verkaufen und politische Diskussionen anbieten. Die Atmosphäre ist entspannt, manchmal fast zu entspannt, aber das gehört hier zum Konzept.

Am Wasser findet man kleine Strände, Leuchttürme und jede Menge Treibholz, das so dekorativ herumliegt, als hätte es jemand absichtlich drapiert. Point Robinson Lighthouse ist der Klassiker: ein kleiner Leuchtturm, ein großer Blick und meistens ein leichter Wind, der einem sagt, dass man hier nichts überstürzen soll.
Die Insel ist groß genug, um sich zu verlieren, aber klein genug, dass man sich nicht wirklich verirren kann. Und überall stehen Rhododendren, die so groß sind wie Kleinwagen – offenbar fühlen sie sich hier genauso wohl wie die Menschen, die beschlossen haben, dass das Festland überschätzt wird.
Vashon ist kein Ort für Action, sondern für Durchatmen. Für „mal schauen, was der Tag bringt“. Und für Leute, die Fähren mögen. Ohne die geht hier gar nichts.
Am Point Robinson suchten wir logischerweise zuerst den Troll auf. Oskar, the Birdking, hockt in typischer Königsmanier mit einer Krone aus Vogelhäusern auf seinem Königsstuhl und schaut die ihn bewundernden Untertanen freundlich an. Und reicht ihnen sogar den Finger. Ein sehr höflicher Monarch.

Nur wenige Meter weiter, an der Küste, steht dann schon der hübsche Leuchtturm.

Auf der gegenüberliegenden Seite, wir blicken gen Osten, erhebt sich undeutlich der Mt. Rainier majestätisch über der Stadt. Wir hätten auch ihn gerne besucht, aber mit all den Feiertagsausflüglern hätten wir wahrscheinlich sehr gute Stau-Erfahrungen machen können. Man muss ja nicht alles mitnehmen.

Zurück geht es durch den „Regenwald“. Das Klima ist schon etwas Besonderes. Neben mir wachsen Brennnesseln mit Blättern größer als meine Hände, die sogar mich um locker 20 cm überragen.

Wir überlegen, was wir noch hier machen können. Aber sowohl die Erkältung meiner Frau als auch das Wetter ziehen weiter zu, sodass wir beschließen, ganz gemütlich zurückzugondeln und in Vashon genau aus dem Fenster zu schauen. Auch eine Form von Sightseeing.

Als wir das Fährterminal erreichen, hat sie gerade abgelegt. Macht nichts. Und hat den Vorteil, dass wir als Erste auf das nächste Schiff fahren dürfen.
Ich überlege, ob ich in einem Harry Potter Film gelandet bin und ob die Person mit dem Besen auf selbigem zur Arbeit fliegt. Oder ob der wirklich nur zu Reinigungszwecken da ist?

Wir bekommen als erstes Fahrzeug auf dem Schiff einen Logenplatz auf die Wasserstraße. Hat was für sich. Wir müssen zum Sightseeing nicht aussteigen bei dem Sauwetter. Diesmal keine Orcas. Aber dafür wieder und wieder und wieder die Erzählung meiner Beifahrerin, dass sie genau an dieser Stelle diese Tiere gesehen hat und was für ein tolles Erlebnis das war. Falls ihr sie (also meine Frau) mal trefft, sprecht sie unbedingt darauf an. Wenn sie sich noch erinnert, wird sie gerne davon erzählen.

Der Rest der Fahrt auf dem Festland war unspektakulär, und wir verbringen den Rest des Nachmittags mit Kofferpacken – eine Tätigkeit, die nie zu meinen Hobbys zählen wird.
Das Internet in diesem Hotel ist quälend langsam und instabil, es macht keinen Spaß. Dafür gibt es – vielleicht als Entschuldigung gedacht – die besten Kekse unserer Reise. Auf Rückfrage meint ein Hotelbediensteter, dass die ganze Umgegend kein schnelleres Internet hat. Ich habe meine Zweifel.



